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Die OECD warnt davor, die fiskal- und geldpolitische Unterstützung zu früh zurückzuziehen


15.09.21 09:00
fairesearch

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die europäische Wirtschaft befindet sich nach der starken Rezession im Jahr 2020 wieder auf Wachstumskurs, so Dr. Eberhardt Unger von "fairesearch".

Der Rückschlag sei insbesondere pandemiebedingt gewesen. Eine Rückkehr zum Vorkrisenniveau werde nach Meinung der OECD nicht erreicht. Auch im 2. Halbjahr 2021 werde sie sich weiter erholen und das Wachstum in 2022 robust bleiben. Die OECD sehe nach der Rezession um 6% in 2020 für beide Jahre 2021 und 2022 sowohl in der Europäischen Union (EU) als auch in der Eurozone (EA - Euro Area) einen Zuwachs von über 4%. Ein Risikofaktor würden neue Virusvarianten bleiben, insbesondere für Länder mit niedrigeren Impfquoten.

Für die Überwindung der Rezession sei entscheidend gewesen, dass die europäischen Regierungen und Institutionen schnelle und weitreichende Maßnahmen ergriffen hätten, um den Schock abzufedern. Die Fiskalpolitik sei schneller und kühner gewesen als in der Vergangenheit. Erhebliche Unterstützung durch die Geldpolitik habe geholfen. Die OECD warne davor, die fiskal- und geldpolitische Unterstützung zu früh zurückzuziehen. Sie fordere Klarheit darüber, wie diese Politik je nach Verlauf der Erholung angepasst werden solle. Unerlässlich seien Reformen, die das Wachstumspotenzial ankurbeln würden. Die konjunkturstützende makroökonomische Politik solle aufrechterhalten bleiben, bis der Aufschwung stabil sei. Darüber hinaus gelte es, Europas Wirtschaftsstruktur zu stärken.

Zum Thema Inflation und Staatsverschuldung habe die OECD keine großen Befürchtungen. Die Inflation im Euroraum werde trotz eines vorübergehenden Anstiegs mittelfristig wohl unter 2% bleiben. Sie begrüße die Entscheidung, dass die Ausweichklausel des Stabilitäts- und Wachstumspakts der EU bis Ende 2022 weiter anzuwenden sei. Die Geldpolitik der EZB sollte akkomodierend ausgerichtet bleiben, bis die Inflation ein symmetrischeres Ziel von 2% dauerhaft erreicht habe.

Doch hier seien zweifelhafte Anmerkungen angebracht. Der starke Anstieg der Inflation im Verlauf von 2021 habe zwar einen Basiseffekt, welcher zumindest einen teilweisen Ausgleich der Teuerungsraten in 2022 auslösen werde. Der IWF weise auch auf erhebliche Aufwärtsrisiken hin. Inzwischen seien die Steigerungsraten der Teuerung auf den Vorverbraucherstufen so erheblich, dass sie sich im Laufe der Zeit bis auf die Verbraucherebene durcharbeiten würden. Nach einer Faustformel der Analysten der Neunzigerjahre bringe ein Anstieg der Rohstoffpreise um 10% nach einem Jahr einen Anstieg der Konsumentenpreise um 1%.

Die Staatsverschuldung habe inzwischen ein so hohes Niveau erreicht, dass der Schuldendienst (Soll-Zinsen + Tilgungen) kaum noch durchzuhalten sei. Inzwischen hätten fast alle Regierungen kreditfinanzierte Ausgaben für den Klimaschutz angekündigt. Sie würden die Schulden weiter erhöhen. Vergessen scheine die Austeritätpolitik, die einen ausgeglichenen Haushalt vorsehe.

Konjunkturprognosen auch von renommierten Forschungsinstitutionen hätten in der Vergangenheit häufig die tatsächlichen Entwicklungen falsch eingeschätzt. An den Finanzmärkten müsse daher mit Wahrscheinlichkeiten gerechnet werden. Daher empfehle sich, die Vorhersagen von Inflation und Verschuldung teilweise skeptisch zu beurteilen. (Ausgabe vom 14.09.2021) (15.09.2021/alc/a/a)