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Die Notenbanken wollen den in den Krisen gewonnenen Spielraum nicht wieder abgeben


06.09.21 09:45
INVIOS GmbH

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Nach Jackson Hole und vor der EZB-Sitzung ist eines klar geworden: Die Notenbanken weltweit wollen den in den Krisen gewonnenen Spielraum nicht wieder abgeben, so die Experten der INVIOS GmbH.

"Die Notenbanken betreiben jetzt mehr und mehr Wirtschaftspolitik und hebeln dazu mit ihren immensen Mitteln marktwirtschaftliche Regeln aus", sage Nikolas Kreuz, Geschäftsführer der INVIOS GmbH. Dabei würden sie von hehren Motiven geleitet - oder getrieben.

Die eigentliche Aufgabe der Notenbanken, Geld als Schmierstoff für die Wirtschaft bereitzustellen, trete in den Hintergrund. Angesichts niedriger Inflationsraten habe auch die Sicherung der Preisstabilität nicht mehr sonderlich im Mittelpunkt der Notenbank-Arbeit gestanden. "Geld in der richtigen Menge und zum richtigen Zeitpunkt bereitzustellen oder auch zu verknappen, das ist die Kunst der Notenbanker", so Kreuz.

Mit den Mitteln des Zinses den Wert der Währungen zu steuern, habe lange zur Kür der Zentralbanker gehört. "Das galt manchem Puristen schon als zu stark an die wirtschaftlichen Wünsche der Regierungen angelehnt, wenn denn etwa eine Schwächung der eigenen Währung zur Exportbelebung eingesetzt wurde", sage Kreuz. Doch mit der vornehmen Zurückhaltung sei es vorbei, die Notenbanken sei mittlerweile in ihrer Gesamtheit der stärkste, wichtigste und einflussreichste Marktteilnehmer. Alle anderen würden nur noch Nebenrollen spielen - oder seien etwa als Privatanleger zu kaum noch wahrnehmbaren Statisten degradiert.

Mehr noch: Da sich die Notenbanken erkennbar nicht mehr an die ihnen auferlegten Regeln halten würden, seien alle zukünftigen Aktivitäten genauso wahrscheinlich oder unwahrscheinlich. "Niemand weiß, was die Notenbanken als nächstes angehen werden, immer mit Krisenbekämpfung als Begründung", sage Kreuz. "Ein klares Handeln ist nicht mehr zu erwarten und das führt zu Ungewissheit und Unsicherheit bei allen anderen Marktteilnehmern."

Würden weiter Billionen in die Wirtschaft gepumpt oder komme ein abrupter Stopp? Würden die Zinsen niedrig gehalten oder zur Bekämpfung der steigenden Inflation erhöht? "Das Instrumentarium hat sich verselbstständigt, die Wirtschaft weiß nicht mehr, wohin die Zentralbanken wollen, und wird über kurz oder lang ihre Tätigkeit reduzieren", sage Kreuz. Ganz abgesehen davon würden die Notenbanken mit ihrer Politik gerade Unternehmen am Leben erhalten, die eigentlich schon lange nicht mehr lebensfähig seien.

Nullzinspolitik und in Kauf genommene hohe Inflation würden zwar den Staaten helfen, sich zu entschulden. "Weil aber die Finanzminister gerade das Haushalten verlernen, steigen die Schulden immer schneller - und das mit dramatischen Folgen für zukünftige Generationen", so Kreuz. Sparer würden doppelt bestraft: Durch Nullzins würden Erträge fehlen, die Inflation verringere die Kaufkraft. Kein Wunder also, wenn sich die Menschen vom Sparbuch abwenden würden und in immer riskantere Anlagen gedrängt würden. Der Aktienmarkt profitiere und laufe wie der Immobilienmarkt heiß. Kryptowährungen würden gekauft, ohne Risiken und Ertragschancen abzuwägen.

"Eine Blase bildet sich, die nur schwerlich zu kontrollieren ist. Am Ende erschöpft sich der Schumpetersche Prozess mit weitreichenden Folgen: Erst sinkt die Produktivität, dann das Wachstum und schlussendlich unser Wohlstand. Insofern schaden die Notenbanken mit ihrer Politisierung nicht nur der Wirtschaft, sondern den Interessen aller Menschen", sage Kreuz. (06.09.2021/alc/a/a)