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Notenbanken haben ihr erstes Stabilisierungsziel erreicht


07.09.20 13:00
National-Bank AG

Essen (www.anleihencheck.de) - Der sich spürbar aufhellende Ausblick für die Weltwirtschaft hat in den letzten Tagen und Wochen dazu geführt, dass die marktimpliziten Inflationserwartungen spürbar nach oben gedreht haben, berichten die Analysten der National-Bank AG.

Insofern hätten die Notenbanken ihr erstes Stabilisierungsziel erreicht. Angesichts der vielfältigen Bedrohungen und globalen Risiken durch die Corona-Epidemie würden die internationalen Notenbanken aber zunächst auch weiterhin alle Geldschleusen auf unbestimmte Zeit voll geöffnet lassen. Die FED erwarte weiterhin, an der Nullzinspolitik so lange festzuhalten, bis sie sicher sei, dass die Wirtschaft die Corona-Krise "überstanden hat".

Hinsichtlich der Strategieüberprüfung würdige die FED grundsätzlich den Umstand, dass das Inflationsziel in den letzten Jahren systematisch unterschritten worden sei. Daher werde sie zukünftig ceteris paribus eher expansiver agieren: Bei einer starken Anspannung am Arbeitsmarkt würden dämpfende Maßnahmen später ergriffen, bei einem Abschwung schneller expansive Maßnahmen eingeleitet. Ankerpunkt der Strategie der FED bleibe dabei aber das Ziel einer Inflationsrate um 2%, das sie allerdings nunmehr stärker im Durchschnitt anstreben wolle: Die Operationalisierung der geldpolitischen Strategie der FED erfolge quasi stärker mithilfe eines gleitenden Durchschnitts als mit einem Punktziel, d.h. temporäre Zielabweichungen würden zur Herstellung längerfristiger Gleichgewichte eher toleriert.

Im Kern zolle die FED damit auch den gestiegenen Problemen der Prognose der heimischen Inflation Rechnung, die sich nach Erachten der Analysten der National-Bank AG auch maßgeblich aus der Globalisierung/"Amazonisierung" der Inflation ergeben hätten. Dies bedeute aber auch, dass eine Umkehr dieses Trends auch eine Kehrtwende der FED bedeuten würde.

Einer mechanistischen Interpretation der neuen geldpolitischen Leitlinien habe Powell denn auch eine klare Absage erteilt: Die FED werde sich also immer einen erheblichen diskretionären Spielraum offen halten (müssen). Man sollte die Veränderungen daher auch nicht überinterpretieren - es sei sicherlich auch ein Stück weit Marketing der FED in einem ordnungspolitisch bzw. innenpolitisch anspruchsvollen Umfeld. Im Ergebnis werde die US-Geldpolitik grundsätzlich expansiver, eine Zinswende selbst in den USA sei auf Basis der eher "dovishen" Grundhaltung des FOMC derzeit nicht absehbar.

Mit Blick auf den weiteren Kurs der EZB haben die Daten unsere Einschätzung, dass die Geldpolitik für die Eurozone voraussichtlich noch wesentlich mehr Stimulus erzeugen muss als die FED, weiter untermauert: Auf Basis der Erfahrungen der Finanzkrise steht zu erwarten, dass die Erholung in Europa wesentlich zäher von statten geht als in den USA, so die Analysten der National-Bank AG. Dies gehe wiederum nicht zuletzt auf die mangelnde preisliche Flexibilität innerhalb der Währungsunion zurück, die die Anpassung an wirtschaftliche Schocks - ähnlich wie in der Finanzkrise - erheblich verzögere. Vor dem Hintergrund der obigen Perspektiven für die Geldpolitik rund um den Globus bleibe das Aufwärtspotenzial für die Kapitalmarktzinssätze eng begrenzt. Die Analysten der National-Bank AG würden ihre Schätzungen für die Zinssätze unverändert deutlich unterhalb des Bloomberg-Konsensus belassen (USA 2021/Q3: 1,5%, Deutschland 2021Q3: 0,0%). (Ausgabe vom 04.09.2020) (07.09.2020/alc/a/a)