Notenbanken geben wieder Vollgas


06.11.19 11:00
Bank für Vermögen

Oberursel (www.anleihencheck.de) - Die globalen Aktienmärkte haben den mit Schrecken erwarteten Oktober, nach größeren Verlusten an den ersten beiden Tagen, mit Kursgewinnen beendet, so Marc Sattler, Vorstand der Bank für Vermögen (BfV) im Bereich Investment Research und Vermögensverwaltung.

Zurückzuführen sei dies vor allem auf einen angeblich positiven Ausgang der Handelsgespräche zwischen den USA und China - dass es eine langfristige Einigung werde, würden die Analysten der Bank für Vermögen weiterhin bezweifeln. Ihrer Einschätzung nach würden es eher kleinere Deals. Die US-Märkte hätten neue Allzeithochs erklimmen können und auch in Europa und Japan seien Jahreshochs markiert worden. Ob diese gehalten und weiter ausgebaut werden könnten, werde sich in den kommenden Monaten zeigen, denn viele Konjunkturdaten der entwickelten Länder und auch der Volkswirtschaften Chinas, Südkoreas und Singapurs hätten sich unterdessen weiter eingetrübt.

Die konjunkturelle Entwicklung der Welt und die Aktienmärkte würden weiter auseinander klaffen. Die Marktteilnehmer würden weiterhin davon ausgehen, dass der Handelsstreit bald gelöst sein werde und dadurch und mithilfe der expansiven Notenbanken Rezessionen vermieden werden könnten. Ob jedoch die erste Stufe des angeblich vereinbarten Handelsvertrags zwischen China und den USA bald unterzeichnet werde, bleibe abzuwarten. Das vergangene Jahr habe gezeigt, dass man den Meldungen aus den USA und ihres Präsidenten über den positiven Verlauf der Verhandlungen nicht trauen könne.

Solange kein endgültiger Vertrag unterzeichnet sei, seien die Wirtschaftsteilnehmer also weiterhin großen Unsicherheiten ausgesetzt, die aktuell wieder aus den Aktienkursen ausgepreist seien. Die Bewertung des S&P 500-Index anhand des Kurs-Gewinnverhältnisses habe neue Hochs erreicht, da die bis dato berichteten Gewinne der Unternehmen im 3. Quartal 2019 um 3 Prozent gefallen seien, während die Märkte weiter zugelegt hätten. Getrübt werde dieses Bild zusätzlich von anhaltenden Abflüssen aus Aktienfonds. Ein gutes Umfeld, um langfristig Aktien zu kaufen, stelle diese Situation nicht dar. Da die Vergangenheit gezeigt habe, dass die Notenbanken eine aufkommende Rezession nicht stoppen könnten und auch seitens der Politik noch wenig Elan bestehe, Konjunkturpakete zu verabschieden - auch weil die Verschuldungsniveaus vielerorts höher seien denn je - würden die Analysten der Bank für Vermögen weiterhin eine defensive Anlageausrichtung insgesamt und innerhalb der Aktienquote empfehlen.

Bei den Rentenmärkten halte die Anfang September begonnene Korrektur der Abwärtstrends der Renditen weiter an. Bei den US-Staatsanleihen mit 10-jähriger Restlaufzeit sei ein Verlaufstief von ca. 1,50 Prozent markiert worden. Damit seien seinerzeit die nun folgenden Zinssenkungen der FED vorweggenommen worden. Ende Oktober habe sie den Leitzins das dritte Mal in vier Monaten um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Sie habe signalisiert, die Zinsen nicht anzuheben, bis die Inflation deutlich anziehe. Zusätzlich verleihe sie mittlerweile 120 Milliarden US-Dollar in so genannten Übernacht-Repo-Geschäften an Banken. Bisher könnten nur Vermutungen angestellt werden, warum sie das tun müsse und der Interbankenkreditmarkt an dieser Stelle nicht mehr ordnungsgemäß von alleine zu funktionieren scheine. Ein gutes Omen für die Märkte sei dies jedoch keinesfalls, denn das letzte Mal, als die FED diese Hilfen zur Verfügung habe stellen müssen, sei kurz darauf die epochale globale Finanz- und Wirtschaftskrise der Jahre 2007 bis 2009 gefolgt. In der Eurozone werde die EZB ab November wieder damit beginnen, Anleihen vom Sekundärmarkt zu kaufen. Zunächst mit 20 Milliarden Euro pro Monat.

Die Korrektur auf hohem Niveau des Goldpreises habe sich im Oktober in einem engen Seitwärtsband weiter fortgesetzt. Wenn sich der Preis, in US-Dollar gerechnet, über der Marke von 1.520 US-Dollar pro Feinunze halten könne, seien neue Hochs greifbar. Die Marke von 1.460 US-Dollar pro Feinunze sollte nach Einschätzung der Analysten der Bank für Vermögen vorerst nicht mehr unterschritten werden. Das Umfeld für steigende Goldpreise verbessere sich durch die expansiven Notenbanken weiter. Sollten die Inflationsraten irgendwann wieder anziehen und die Zinsen nicht direkt angehoben werden, würden Sachwerte wie Gold die erste Wahl darstellen. Daher würden die Analysten empfehlen, weiterhin Investments in Edelmetallen und Minenaktien beizumischen.

Nachdem der Euro Ende September ein Zweijahrestief zum US-Dollar erreicht habe, sei anschließend eine Gegenbewegung gestartet, die bis 1,1179 gelaufen sei. Diese Marke dürfte damit auch die obere Grenze des Währungspaars darstellen. Eine nachhaltige Trendwende sähen die Analysten der Bank für Vermögen hier weiterhin nicht, denn am US-Dollar führe derzeit kein Weg vorbei. Die Zinsdifferenz zu Anleihen anderer entwickelter Länder ziehe Gelder an, die einen starken US-Dollar unterstützen würden. Außerdem würden US-Unternehmen noch deutlich höhere Gewinne erwirtschaften und das Wirtschaftswachstum sei trotz Abwärtstrend weiterhin höher als in den meisten anderen westlichen Ländern.

Der globale Wirtschaftszyklus nähere sich offenbar so langsam dem Ende der Expansionsphase. Die Wachstumsraten lassen nach, die Unternehmensgewinne steigen insgesamt nicht mehr und gehen teilweise schon zurück und viele Märkte scheinen gesättigt, so die Analysten der Bank für Vermögen. Der Konjunkturklimaindikator für die Eurozone habe kürzlich ein Sechsjahrestief erreicht. Was die Inflation für Deutschland anbetreffe, habe der harmonisierte Verbraucherpreisindex vor einem Jahr mit 2,6 Prozent sein vorläufiges Hoch erreicht und sei seitdem auf aktuell 0,9 Prozent zurückgegangen.

Die Geldmenge der Eurozone steige derzeit mit knapp 6 Prozent und liege damit über dem mittelfristigen Zielwert der EZB von 4,5 Prozent. Normalerweise sei das Wachstum der Geldmenge verbunden mit der Inflationsrate und auch der Konjunktur. Auf Steigerungen der Geldmenge würden mit einer gewissen Zeitverzögerung auch steigendes Wirtschaftswachstum und Inflation folgen. Diese historische Verbindung scheine im aktuellen Umfeld so nicht mehr zu bestehen, was zuletzt während der Eurokrise der Jahre 2010 bis 2012 der Fall gewesen sei. Die Geldpolitik habe also gegebenenfalls den Einfluss auf Inflation und Wirtschaft ein stückweit verloren.

Beim Blick in die USA zeige sich ebenfalls ein vor Rezessionen typisches Bild. Die Differenz der Wirtschaftserwartungen und der aktuellen Lage der US-Verbraucher nehme vor Rezessionen für gewöhnlich deutlich zu, indem die aktuelle Lage noch als sehr gut eingeschätzt werde, die Zukunftserwartungen aber nicht mehr zunähmen oder sogar sinken würden. Diese Situation ergebe sich oftmals um mehrjährige Verlaufshochs der US-Aktienmärkte. Was die Zinsdifferenzen der US-Staatsanleihen anbelange: Die Zeitpunkte der letzten beiden und der aktuellen Versteilerungen der Zinskurve hätten stattgefunden, nachdem die Zinskurven invertiert gewesen seien - man also für kurze Laufzeiten eine höhere Rendite bekommen habe als längere. Dass die Zinskurve also kürzlich nicht mehr invertiert sei, sei also entgegen der Behauptungen vieler Experten kein gutes Zeichen für Wirtschaft und Aktienmarkt, sondern erst recht ein negatives, da dies die typische Entwicklung am Beginn von Baissen sei.

In diesem Umfeld investieren wir innerhalb der Aktienquoten unserer Strategien tendenziell in Sektoren mit geringem Beta, wie dem Gesundheitswesen, nicht-zyklische Konsumgüterhersteller, Versorger, Immobilien und Infrastruktur, so die Analysten der Bank für Vermögen. Die Umsätze und Gewinne dieser Sektoren seien weniger konjunktursensitiv und würden damit höhere Dividenden bei geringerer Volatilität bieten. Dazu würden die Analysten der Bank für Vermögen Goldminenaktien mischen, die für gewöhnlich von turbulenten Kapitalmärkten profitieren würden, ebenso wie Staatsanleihen entwickelter Märkte. Hier würden die Analysten die USA favorisieren, wo noch positive Renditen zu vereinnahmen seien. Dieser Baustein sorge für weitere Stabilität und Diversifikation. Mit diesen Elementen sei jedes Portfolio bei Aktienbaissen und Rezession gut gerüstet und profitiere bei steigenden Märkten trotzdem. (06.11.2019/alc/a/a)