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Notenbanken im Dauerstress


06.05.20 08:45
Raiffeisen Centrobank

Wien (www.anleihencheck.de) - Nach dem heftigen Kurssturz machten die weltweiten Aktienmärkte Boden gut, einen nicht unerheblichen Anteil daran haben die Zentralbanken, so die Analysten der Raiffeisen Centrobank.

Der Coronavirus habe die Börsen rund um den Globus seit mittlerweile mehr als zwei Monaten fest im Griff. Nachdem es vor allem im März zu empfindlichen Verlusten an den Aktienmärkten gekommen sei, seien die Aktienindices im April auf Erholungskurs gegangen. Erste Lockerungen von Kontaktsperren und positive Tests von Medikamenten gegen die vom Virus hervorgerufene Lungenkrankheit Covid-19 hätten am Markt Hoffnungen auf eine baldige Erholung der Weltwirtschaft geschürt.

Die Prognosen seien alarmierend. So rechne etwa der Internationale Währungsfonds (IWF) wegen der Coronavirus-Pandemie in diesem Jahr mit einer globalen Rezession, die noch schlimmer als nach der Finanzkrise vor einem Jahrzehnt ausfallen werde. Demnach solle die Weltwirtschaft 2020 um 3,0 Prozent schrumpfen. Damit sei die Januar-Schätzung um satte 6,3 Punkte reduziert worden. In der Finanzkrise habe die Weltwirtschaft in etwa stagniert, damals seien primär Industriestaaten betroffen gewesen. Doch nun seien fast alle Länder in Mitleidenschaft gezogen.

Dass sich die realwirtschaftliche Krise bislang nicht zu einer Finanz- und Bankenkrise ausgeweitet habe, sei vor allem den Zentralbanken zu verdanken. Das Federal Reserve Board (FED) beispielweise habe im März angekündigt, in unbegrenztem Maße Staatsanleihen und mit Hypotheken besicherte Wertpapiere aufzukaufen. Zudem erwerbe die US-Notenbank erstmals auch Unternehmensanleihen, einschließlich von Gesellschaften mit einem Rating unter Investment Grade ("Junk Bonds"). Allein die amerikanische FED habe ihre Bilanz seit Ausbruch der Krise um rund die Hälfte auf zuletzt 6,5 Billionen Dollar ausgeweitet. Insgesamt kämen FED, die Europäische Zentralbank (EZB) und Bank of Japan (BoJ) inzwischen auf eine Bilanzsumme von rund 18 Billionen Dollar - drei Mal so viel wie zur Finanzkrise 2008/09.

Die EZB wiederum habe ein Krisenprogramm aufgelegt, das zusätzliche Anleihekäufe in Höhe von 750 Mrd. Euro umfasse. Zudem habe der EZB-Rat beschlossen, die Konditionen für Langfristkredite für Banken noch attraktiver zu gestalten. Den Geldinstituten winke bei Erfüllung bestimmter Kreditvergabeziele jetzt ein Zinssatz von minus einem Prozent - die Banken bekämen also unter bestimmten Bedingungen eine Prämie, wenn sie sich Geld bei der EZB leihen würden.

Und der Werkzeugkasten der Zentralbanken sei noch lange nicht erschöpft - vor allem in den USA und in der Eurozone. Vorbild sei Japan, wo die Leitzinsen bereits seit 2016 mit minus 0,1 Prozent im negativen Bereich lägen. Zudem steuere die BoJ schon seit rund drei Jahren die Zinsstrukturkurve - mit dem Ziel, die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen bei null Prozent zu verankern. Damit nicht genug: Ihr Wertpapierkaufprogramm habe die japanische Notenbank im Jahr 2010 auf Aktien in Form von Exchange Traded Funds (ETF) ausgeweitet. Auch in den USA und in der Eurozone wären derartige Schritte denkbar. (Ausgabe vom 05.05.2020) (06.05.2020/alc/a/a)