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Nordeuropäische Länder bleiben Safe Havens - Schuldenanstieg verhindert ein zu positives Bild in Deutschland


01.10.20 09:45
Independent Credit View

Zürich (www.anleihencheck.de) - Das unabhängige Schweizer Kreditresearch-Unternehmen Independent Credit View (I-CV) analysierte in der Länderstudie 2020, welche seit dem Jahr 2009 jährlich erstellt wird, die fundamentale Kreditqualität von 51 Staaten.

Vor dem Hintergrund, den größten Schock für die Weltwirtschaft seit 75 Jahren zu verkraften, seien die Länder einer vielschichtigen Bonitätsprüfung unterzogen worden, mit dem Ziel, die wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf die Länderbonitäten zu verifizieren.

Der Ausbruch der Pandemie habe die bisher schleppende Wirtschaftsentwicklung mit einem Schlag ausgebremst. Die Dauer und die Tiefe der Rezession sowie Auswirkungen auf die Bonität würden von der individuellen Ausgangslage und Widerstandsfähigkeit der einzelnen Staaten abhängen. Bereits vor der Krise überstrapazierte Bilanzen (Staaten, Unternehmen, Haushalte) und trotz positivem Wirtschaftsumfeld nicht erfolgte Reformen würden dabei vielerorts eine prekäre Ausgangslage bieten. Tiefere Steuereinnahmen und massive Ausgaben der Staaten zur Entschärfung der wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen würden zu hohen Staatsdefiziten, steigenden Schulden und damit schwächeren Finanzprofilen führen.

"Die erfolgreiche Bewältigung der Krise erfordert rigorose Anpassungen bei überschuldeten Unternehmen, Haushalten und Staaten zur Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit nach der Krise. Die Flexibilität sowie die Glaubwürdigkeit der Notenbanken und Regierungen wird auf die Probe gestellt und schwelende politische Risiken drohen zu eskalieren. Eine wohlüberlegte Exitstrategie, welche insbesondere eine "Zombifizierung" der Wirtschaft verhindert, ist zentral für eine nachhaltige Gesundung. Allerdings haben sich die Finanzmärkte derzeit komplett von der realen Welt entkoppelt. Viele Investoren glauben, dass sie in Krisensituationen stets von Notenbanken und Regierungen gerettet werden und gehen deshalb höhere Risiken ein. In diesem Umfeld war der Blick unserer Länderstudie 2020 auf die Entwicklungen herausfordernder denn je und führte zu zehn Downgrades", so René Hermann, Lead-Autor der I-CV Länderstudie.

Die I-CV Länderstudie 2020 weise Nordeuropa mit Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden als Safe Havens aus. Diese Staaten seien mit einer tiefen Verschuldung in die Krise gegangen und die Aussichten auf eine rasche Rückkehr zu Wirtschaftswachstum seien intakt. "Deutschland kratzt an diesem Status, aber der starke Schuldenanstieg, hohe Eventualverpflichtungen und eine lediglich moderate Wirtschaftserholung verhindern ein zu positives Bild. Das AAA-Rating wie bei der Schweiz bleibt derweil erhalten. Der dritte im Bunde der D-A-CH-Region, Österreich, ist unverändert mit AA geratet. Erwartungsgemäß verzeichnen wir in diesem Umfeld kein Upgrade, während zehn Staaten eine Abstufung erhielten. Darunter beispielsweise Kanada, Mexiko sowie die Türkei, welcher wir schon letztes Jahr eine problematische Entwicklung attestierten", so Hermann.

Zur Beurteilung und Überwachung der Kreditqualität von Staaten setze I-CV seit 2009 ein bewährtes 4-Phasen-Sovereign-Modell ein. Aufgrund von mehr als 50 Bewertungsfaktoren werde zuerst die fundamentale Stärke der Staaten evaluiert. Dabei messe das quantitative Modell die Bonitätsstärke respektive -schwäche aufgrund aktueller Daten und Prognosen (IWF, OECD, etc.). Im Anschluss würden die individuellen Staatsbilanzen einem Deleveraging Szenario unterzogen. Die Ergebnisse würden dann zu einem I-CV-Rating konsolidiert. Abschließend würden wichtige Trends und Entwicklungen, welche die Ratings zukünftig beeinflussen könnten, untersucht (beispielsweise ESG-Faktoren) und abhängig von der Materialität mitberücksichtigt.

Resümierend und ausblickend meine Hermann: "Die aus Bonitätssicht negativen Konsequenzen für Unternehmen, Haushalte und Länder werden sich im kommenden Jahr materialisieren. Wir erwarten einen Anstieg der Kreditausfälle - insbesondere, wenn die Sondermaßnahmen auslaufen - und steigende Arbeitslosigkeit, was den Konsum belasten wird. Länder mit hoher Gesamtverschuldung (Staat, Unternehmen, Haushalte), einseitiger Wirtschaft und schwachen Institutionen haben Mühe, dem Schuldensumpf zu entkommen (Italien, Griechenland). Hier bleiben tiefe Zinsen entscheidend für die Tragbarkeit. Für den reibungslosen Kapitalmarktzugang sind wirtschaftliche Reife, robuste Institutionen und vertrauenswürdige Governance wichtige Voraussetzungen. Investoren sollten daher Staaten mit einer relativ tiefen Gesamtverschuldung, intaktem Erholungspotenzial und stabilen politischen Verhältnissen, wie zum Beispiel die genannten Safe Havens, bevorzugen. Generell glauben wir, dass die Beruhigung der Märkte nur temporärer Natur sein wird. Es wird wieder zu heftigen Ausschlägen kommen." (01.10.2020/alc/a/a)