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Neue EZB-Strategie festigt Niedrigzinsniveau


09.07.21 14:58
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Investoren, die auf höhere Renditen bei Renten gehofft hatten, dürften nach dem jüngsten Renditerückgang ernüchtert sein, so Ulf Krauss von der Helaba.

Die Rendite 10-jähriger Bunds sei zuletzt auf -0,3% gesunken, nachdem sie sich zwischenzeitlich bereits auf dem Weg in positives Terrain befunden habe. Rendite-drückende Vorgaben seien vor allem aus den USA gekommen. 10-jährige US-Treasuries hätten sich auf 1,3% reduziert, nachdem im März noch 1,75% erreicht worden seien. Zwar seien sowohl die Inflations- als auch die Zinserwartungen leicht zurückgegangen. Auch die Konjunkturdaten seien zuletzt nicht mehr ganz so stark ausgefallen. Insgesamt passe der Renditerückgang aber nicht in das allgemein vorherrschende zyklische Bild. Möglicherweise werde das Kurspotenzial bei Aktien von Großinvestoren inzwischen als nicht mehr so hoch eingestuft und es fließe mehr Kapital in den sicheren Hafen von Staatsanleihen. In Kombination mit den starken Anleihekäufen der Notenbanken hätten sich daher Rentenpapiere verteuert.

Der Renditerückgang falle zusammen mit dem Strategiewechsel der EZB. Nach 18 Jahren habe der EZB-Rat das mittelfristig zu erreichende Inflationsziel von "unter, aber nahe 2%" auf glatte 2% geändert. Dieses nun symmetrische Ziel bedeute, dass negative Abweichungen vom Zielwert ebenso unerwünscht seien wie positive. Auf die Kurse von Bundesanleihen habe die Quasi-Erhöhung des Inflationsziels zwei gegensätzliche Effekte: Einerseits wirke der Umstand, dass ein Überschießen der Inflation im Euroraum geldpolitisch eher toleriert werde renditesteigernd, weil damit tendenziell das Risiko höherer Teuerungsraten einhergehe. Andererseits erleichtere das neue Inflationsziel eine Fortsetzung der extrem lockeren Geldpolitik, was tendenziell renditesenkend wirke und vor allem im aktuell angespannten Inflationsumfeld von Bedeutung sei. Dieser Effekt scheine derzeit zu überwiegen und dürfte den jüngsten Renditerückgang unterstützt haben. Die Lage könnte sich etwas verändern, wenn künftig im Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) als Bezugsgröße zum Inflationsziel die Kosten für selbst genutztes Wohneigentum berücksichtigt würden. Dies dürfte zu leicht höheren Inflationsraten führen. Die statistische Umsetzung könne aber noch Jahre dauern.

Die Neuausrichtung der Strategie schließe auch klimabezogene Maßnahmen ein. Beschlossen worden seien dazu Anpassungen des geldpolitischen Handlungsrahmens in den Bereichen Offenlegung, Risikobewertung, dem Ankauf von Wertpapieren des Unternehmenssektors und dem Sicherheitenrahmen. Im Zentrum stehe dabei eine Prüfung der Nachhaltigkeit von Geschäftsmodellen und die Entwicklung von Indikatoren zur Erfassung beispielsweise der CO2-Bilanz von Portfolien. Während die Adjustierung des Inflationsziels für Investoren weder eine Überraschung darstelle noch kurzfristig spürbare Auswirkungen mit sich bringe, seien die Klimaschutzaspekte eine Herausforderung für Unternehmen, Finanzinstitute und Ratingagenturen. Nicht nur die EZB habe hier Neuland betreten. Mit der Ankündigung, im kommenden Jahr mit der Durchführung von Klimastresstests zu beginnen, um entsprechende Risiken abzubilden, setze sich die Notenbank ehrgeizige Ziele. (09.07.2021/alc/a/a)