Neue EZB-Präsidentin tritt ein schweres Erbe an


01.11.19 10:48
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Nun also doch. Erst schafft es Boris Johnson, sich mit der EU auf ein neues Übergangsabkommen zu einigen und nun auch noch seinen lang gehegten Wunsch nach Neuwahlen zu realisieren, so Jan Gengel, Analyst der Weberbank.

Ganz nebenbei gebe es auch noch einen Wechsel an der Spitze der EZB und Entspannungssignale in der Zollproblematik.

Die älteste Demokratie der Welt habe es mal wieder gezeigt, sie diene aktuell nicht als Vorbild für demokratische Prozesse. Nachdem der britische Premierminister es nicht geschafft habe, eine Zwei-Drittel-Mehrheit für Neuwahlen im Parlament zu erreichen, habe er kurzerhand ein Gesetz zur Änderung des Wahltermins auf den 12. Dezember 2019 vorgelegt. Für dieses sei "nur" eine einfache Mehrheit im Parlament notwendig gewesen, die am Dienstagabend auch erreicht worden sei. Boris Johnson habe nach derzeitigen Umfragen gute Chancen, gestärkt aus den Wahlen herauszugehen und damit sein Übergangsabkommen zum Verlassen der Europäischen Union (EU) umzusetzen. Mit der Verlängerung der Verhandlungsphase bis zum 31. Januar 2020 habe die EU den Briten die dafür notwendige Zeit gegeben.

Das Schreckgespenst "Hard Brexit" habe sich aus Sicht der Analysten damit nicht verflüchtigt, jedoch deutlich an Schreckenskraft verloren. Sollte Johnson die Wahlen wirklich für sich entscheiden, stünden die Chancen gut, dass Großbritannien die EU spätestens am 31. Januar in einem geordneten Prozess verlassen werde. Vorsicht bleibe dennoch geboten, da uns die vergangenen Monate gezeigt hätten, dass der Brexit-Prozess immer wieder aufs Neue eine überraschende Wendung nehmen könne.

Mario Draghi habe in dieser Woche den Staffelstab als Präsident der Europäischen Zentralbank an Christine Lagarde übergeben, die dieses für Europa sehr wichtige Amt offiziell am 1. November antrete. Nach acht bewegenden Jahren habe durchaus auch ein wenig Wehmut auf seiner letzten Pressekonferenz mit geschwungen. Sein Appell "Whatever it takes" am 26. Juni 2012 werde nicht nur jedem Kapitalmarktteilnehmer in Erinnerung bleiben. Die Staatsschuldenkrise habe sich seitdem zwar entspannt, jedoch sei der Preis für jeden zinssuchenden Anleger heute spürbarer denn je. Positive Renditen seien in Europa selten geworden und meist mit erhöhten Risiken verbunden.

Unsere neue Präsidentin trete ein schweres Erbe an. Gleichzeitig sei ihr erster Tag im Amt auch der Starttermin für die erneuten Käufe von Anleihen durch die Zentralbank. Im Vorfeld habe der Rentenmarkt ein wenig durchgeatmet, und die Renditen für erstklassige Anleihen seien leicht gestiegen. Eine Wende sei dies aus Sicht der Analysten jedoch nicht. Vor allem da das neue Kaufprogramm auf unbestimmte Zeit angesetzt sei und einer Normalisierung entgegenwirken werde. Darüber hinaus würden die Spekulationen über eine Ausweitung der Maßnahmen im derzeitigen schwierigen wirtschaftlichen Umfeld anhalten. Frau Lagarde habe sich den außergewöhnlichen monetären Unterstützungen eher zugeneigt gezeigt, so dass von ihr zwar eine größere Nähe zur Politik, jedoch kein geldpolitischer Richtungswechsel zu erwarten sei.

Bitte einmal tief durchatmen, aber nicht entspannt zurücklehnen. So würden sich die jüngsten Konjunkturindikatoren recht gut zusammenfassen lassen. Allen voran für die unter den globalen Handelssorgen besonders leidenden Industrienationen hätten sich die der Wirtschaft vorlaufenden Signale nicht noch weiter verschlechtert. Als prominentes Beispiel diene der ifo Index für Deutschland, bei dem sich die Erwartungen zum zweiten Mal in Folge auf niedrigem Niveau stabilisiert hätten. Aus Sicht der Analysten der Weberbank ist dies zwar beruhigend, jedoch ist es für größere Zuversicht noch zu früh. So leide unsere Industrie nach wie vor unter der globalen Abschwächung, wie die jüngsten Auftragseingänge gezeigt hätten. Einzelne Marktteilnehmer würden gar schon von einem synchronisierten Abschwung sprechen. Auch wenn die Analysten die Perspektiven nicht ganz so negativ einschätzen würden, würden sie die Sorgen teilen, die ihnen der abnehmende internationale Handel auferlege.

Mit dem 17. November stehe uns ein wichtiges Datum ins Haus, denn an diesem Tag ende die Schonfrist für Einfuhrzölle auf Automobile aus Europa in die USA. Der amerikanische Präsident habe zwar grundsätzlich versöhnlichere Töne angeschlagen und sogar eine erste Einigung mit China zeitnah in Aussicht gestellt, jedoch bleibe seine Unberechenbarkeit bestehen. Sollte es tatsächlich nicht zu weiteren Hemmnissen durch neue oder höhere Zölle kommen, dürfte dies die wirtschaftlichen Perspektiven deutlich aufhellen. Aber es gelte eben auch das Gegenteil bei einer erneuten Eskalation. Dass sich in diesem Umfeld die Unternehmen in der laufenden Berichtssaison mit ihren Ausblicken zurückhaltend zeigen würden, dürfte niemanden verwundern.

Die bisher gemeldeten Daten würden die Analysten eher als durchwachsen, aber nicht wirklich schlecht einschätzen. Und die Aktienmärkte scheinen eine ähnliche Interpretation zu haben, so die Analysten der Weberbank. So hätten sich aller Widrigkeiten zum trotz Kurssteigerungen an zahlreichen Börsen gezeigt. Sicherlich würden hier bereits die erwarteten Liquiditätsströme der Notenbanken wirken. Für einen nachhaltigen, fortgesetzten Aufschwung sei aus Sicht der Analysten jedoch auch eine Verbesserung der Fundamentaldaten erforderlich, so dass ein gesundes Maß an Vorsicht bei der Aufstellung unserer Portfolios angebracht bleibe. (01.11.2019/alc/a/a)