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Neue Anleihechancen in Europa und an den Emerging Markets - und überall interessante Kurzläufer


05.07.18 10:00
Neuberger Berman

New York (www.anleihencheck.de) - Nach der Veröffentlichung unseres aktuellen Fixed Income Investment Outlook schreibt Gastautor Ashok Bhatia, leitender Portfoliomanager für Multi-Sector Fixed Income, die heutigen CIO Weekly Perspectives, so die Experten von Neuberger Berman.

Drei Themen hätten die Diskussion bestimmt, als sich die Anleiheteams der Experten zum jüngsten Quartalsausblick getroffen hätten. Das erste seien die flachen Zinsstrukturkurven in vielen Ländern, sowohl bei Staats- als auch bei Unternehmensanleihen, und ihre Auswirkungen auf Kurzläufer (kurzfristige Anleihen) gewesen. Das zweite seien die damit einhergehenden Chancen bei Emerging-Market-Fremdwährungsanleihen und das dritte die anstehenden Änderungen der EZB-Geldpolitik gewesen.

Die Diskussion sei sehr angeregt gewesen. Es bestehe die Aussicht auf eine gewisse Volatilität an einigen kerneuropäischen Anleihemärkten, die lange Zeit extrem ruhig gewesen seien. Noch wichtiger sei aber, dass die gängigen Qualitätsanleihen endlich ein wenig Rendite in Aussicht stellen würden.

Die Zinsstrukturkurven seien seit Anfang 2014 deutlich flacher geworden. In den USA habe dies am Anstieg der Kurzfristzinsen gelegen, da die FED die Geldpolitik gestrafft habe. Ende Juni sei die Zehnjahresrendite gerade einmal 30 Basispunkte höher als die Zweijahresrendite gewesen.

Die Renditen amerikanischer Investmentgrade-Unternehmensanleihen mit Laufzeiten von einem bis fünf Jahren lägen gerade einmal 60 Basispunkte unter denen des Gesamtindex, und im High-Yield-Bereich betrage der Abstand weniger als 15 Basispunkte. An den Emerging Markets sei die Zinsstrukturkurve sogar leicht invers: Ende Mai hätten ein- bis dreijährige Fremdwährungsanleihen gemessen am JPMorgan EMBI Global Diversified Index 12 Basispunkte Rendite mehr als der Gesamtindex geboten.

Investoren könnten jetzt mit Kurzläufern ein Investmentgrade-Portfolio aufbauen, einige hochwertige High-Yield- und Emerging-Market-Anleihen hinzufügen und sich am Ende über etwa 4,5% Rendite freuen. Kurzläufer mit wettbewerbsfähigen Nominal- und Realrenditen habe es in den letzten Jahren nicht gegeben. Viel spreche deshalb dafür, dass nach und nach mehr Investorenkapital in den Markt fließe.

Die Kurzläuferanomalie bei Fremdwährungsanleihen sei nur ein Aspekt der insgesamt attraktiven Bewertungen von Emerging-Market-Titeln.

Auffällig seien in diesem Jahr die Mindererträge von Emerging-Market-Anleihen insbesondere gegenüber US-High-Yield gewesen. Trotz der durchschnittlich höheren Kreditratings sei der Spread des JPMorgan EMBI Global Diversified Index erstmals seit 2005 genauso weit wie der des Barclays U.S. High Yield Index.

Sei das eine frühe Warnung vor einem drohenden Anstieg der Risikoaversion angesichts steigender Zinsen, des stärkeren US-Dollar und eines möglicherweise eskalierenden Handelskrieges? Oder sei es nur eine kurzfristige Schwankung, da das Wachstum außerhalb der USA vorübergehend leicht schwächele, und damit ein attraktiver Einstiegszeitpunkt? Zweifellos gebe es Risiken, und die Spreads könnten sich ausweiten, bevor sie wieder enger würden. Doch die Experten würden zur zweiten Sichtweise neigen. Die Weltwirtschaft wachse weiter stabil, was letztlich zur Erholung von Emerging-Market-Anleihen beitragen dürfte.

Die längerfristige Dynamik resultiere aus der Straffung der EZB-Geldpolitik. Zwei oder drei Jahre lang habe man an den Märkten fast ausschließlich die FED wahrgenommen. Jetzt lägen die Schätzungen von FED und Märkten für den Leitzins am Ende des Erhöhungszyklus nur noch 25 bis 50 Basispunkte auseinander. Letztlich würden alle das Gleiche glauben.

Die große Unbekannte sei jetzt die EZB: Zuletzt habe sie signalisiert, dass man frühestens im 2. Quartal 2019 mit einem ersten Zinsschritt rechnen könne, auch wenn sie ihr Quantitative Easing noch vor Jahresende beenden möchte. Auf den ersten Blick scheine dies eine klare Botschaft zu sein. Dennoch würden die Experten es für durchaus denkbar halten, dass im Sommer 2019 noch große Unklarheit darüber herrschen könnte, wie schnell sie die Zinsen erhöhen müsse.

Sehe man von idiosynkratischen Situationen wie nach den jüngsten Wahlen in Italien ab, seien die europäischen Anleihemärkte lange Zeit ruhig gewesen, auch wegen der negativen Leitzinsen. Besonders gering seien die Schwankungen der deutschen Bundesanleiherenditen gewesen. Wenn sich aber jetzt die Aufmerksamkeit von der FED zur EZB verlagere (die sich auf das Ende ihrer Nachkrisen-Geldpolitik vorbereite), dürfte sich auch die Volatilität verlagern - von dollardenominierten zu eurodenominierten Anleihen. Und damit auch die Chancen.

Wenn man alle drei Faktoren berücksichtige - die attraktiven Kurzfristrenditen, die interessanten Bewertungen der Emerging Markets und die ersten Anzeichen für Volatilität in Europa -, dann gebe es an den Anleihemärkten endlich erste Anzeichen für attraktive Anlagemöglichkeiten. (Ausgabe vom 01.07.2018) (05.07.2018/alc/a/a)