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Nachhaltige Anleihen erfahren einen regelrechten Boom


08.04.21 10:15
ETHENEA

Munsbach (www.anleihencheck.de) - Nachhaltige Anleihen haben in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erfahren, so Dr. Volker Schmidt, Senior Portfolio Manager von ETHENEA.

Im September letzten Jahres sei die erste grüne Bundesanleihe auf den Markt gekommen. Mit den Mitteln sollten Ladestationen für E-Autos, Industriestrom aus Wasserstoff oder Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern gefördert werden. Gleichzeitig habe der Bund damit die Absicht verfolgt, die Aufnahmefähigkeit des Marktes zu testen sowie "neue Investoren und Emittenten für den Markt für grüne Anleihen zu gewinnen." Die Bundesanleihe sollte als Katalysator dienen, "um mehr Investitionen in eine umweltfreundliche Wirtschaft zu lenken", so Finanzstaatssekretär, Jörg Kukies.

Und tatsächlich sei die Emission ein großer Erfolg und das grüne Zinspapier aus Deutschland mehrfach überzeichnet gewesen. Nach Angaben des Bundesfinanzministeriums hätten für ein Emissionsvolumen von 6,5 Milliarden Euro mehr als 33 Milliarden Euro an Kaufgesuchen vorgelegen. Im europäischen Vergleich sei Deutschland damit allerdings spät dran. Der französische Staat emittiere bereits seit Anfang 2017 grüne Staatsanleihen, Polen sei sogar seit Ende 2016 in diesem Marktsegment aktiv.

Neben Anleihen von Staaten und supranationalen Emittenten seien grüne Unternehmensanleihen weiter auf dem Vormarsch. Im Zeitraum 2017 bis 2020 sei das gesamte Volumen von 178 Milliarden auf über 400 Milliarden Euro gestiegen. In 2021 werde erstmals ein Emissionsvolumen von 500 Milliarden Euro erwartet. Doch nicht nur das Volumen steige seit Jahren stetig, sondern auch die Bandbreite der vertretenen Branchen sowie die mit der Emission zu finanzierenden Themen würden vielfältiger. Ein niederländischer Emittent habe sich zum Beispiel einen gesünderen Lebensstil zum Ziel gesetzt.

Nachhaltig sei allerdings nicht immer gleich nachhaltig. Grundsätzlich werde zwischen drei Formen von Nachhaltigkeitsanleihen unterschieden:

Grüne Anleihen: Hierbei handle es sich um Anleihen, deren Erlöse ausschließlich zur Finanzierung von förderungswürdigen grünen Projekten verwendet würden. Dazu würden beispielsweise Klimaschutz, Erhaltung der natürlichen Ressourcen, Erhaltung der biologischen Vielfalt sowie Vermeidung und Verminderung von Umweltverschmutzung zählen.

Soziale Anleihen: Ähnlich wie bei grünen Anleihen seien soziale Anleihen strikt an die Verwendung der Erlöse zur Finanzierung von förderungswürdigen sozialen Projekten gebunden. Das könne der Ausbau der Infrastruktur in Entwicklungsländern sein (z.B. sauberes Trinkwasser, Kanalisation, Abwasserentsorgung, Transport, Energie), aber auch die Förderung von bezahlbarem Wohnraum, die Schaffung von Arbeitsplätzen oder die aktive Förderung der Gleichberechtigung und die Stärkung von Frauenrechten. Der mit Abstand größte Emittent sozialer Anleihen sei die Europäische Union im Rahmen ihres SURE-Programms, das Maßnahmen zur Abfederung oder Reduzierung der mit der Pandemie zusammenhängenden Arbeitslosigkeit in der EU finanziere.

Nachhaltigkeitsgebundene Anleihen: Sogenannte Sustainability-linked Bonds (SLBs) seien im Gegensatz zu grünen und sozialen Anleihen nicht an ein bestimmtes Nachhaltigkeitsprojekt geknüpft; die Erlöse könnten also für allgemeine Geschäftszwecke verwendet werden. Allerdings verpflichte sich der Emittent zur Erreichung bestimmter Leistungsindikatoren (KPIs) mit Bezug zu den Nachhaltigkeitskriterien Umwelt, Soziales und Governance. Das könnten Indikatoren sein wie die Reduzierung der CO2-Emissionen um 2 Prozent pro Jahr innerhalb eines vordefinierten Zeitrahmens oder die Umstellung der Produktion auf mindestens 80 Prozent recycelbare Materialien. Würden diese Ziele nicht erreicht, würden zusätzliche Zahlungen, meistens in Form eines sogenannten Step-Up-Coupons, fällig.

Nachhaltige Anleihen seien nicht nur gut für die Umwelt und die Gesellschaft, sondern hätten auch bei der Wertentwicklung die Nase vorn. Entgegen der allgemeinen Annahme hätten zahlreiche Analysen und Studien gezeigt, dass grüne Investments keine Performance kosten müssten. Ganz im Gegenteil, im Jahr 2019 habe die Rendite grüner Anleihen bei 7,4 Prozent gelegen, herkömmliche Anleihen hätten 6,0 Prozent erzielt.

Die EZB habe grüne und soziale Anleihen schon immer auch im Rahmen ihrer diversen Anleihenkaufprogramme erworben. Nachhaltigkeitsgebundene Anleihen habe sie bisher dagegen wegen der Step-up-Coupons von ihren Ankäufen ausgeschlossen. Seit Jahresanfang habe die Zentralbank ihre Haltung geändert und kaufe nun auch solche Anleihen, aber nur, wenn die Leistungsindikatoren mit den ökologischen Nachhaltigkeitszielen der UN im Einklang stünden. Leistungsindikatoren, die aber auf sozialen Zielen beruhen würden, würden nicht berücksichtigt und entsprechende Anleihen nicht gekauft. Für Anleger seien eine dezidierte und kritische Analyse der jeweiligen Anleihedokumentation sowie ein aktives Management von zentraler Bedeutung, da es zu viele "hellgrüne" Anleiheemittenten gebe, die das Prädikat nachhaltig nutzen würden, um sich attraktive Finanzierungskonditionen zu sichern, ohne einen echten Beitrag z.B. zum Klimaschutz oder zu sozialen Projekten zu leisten.

In der Vergangenheit hätten grüne Anleihen in der Regel zu einer niedrigeren Rendite als ihre nicht-grünen Anleiheäquivalente ausgegeben werden können, da eine hohe Nachfrage auf ein immer noch knappes Angebot getroffen habe. Daher sei es bei jeder Investition umso wichtiger, sicherzustellen, dass mit der Emission Projekte finanziert würden, die einen messbaren Beitrag u.a. zur Umwelt leisten würden, beziehungsweise zu prüfen, ob sich der Emittent nur Ziele gesteckt habe, die er sowieso im Laufe der Zeit erreicht hätte. Mindestens ebenso wichtig seien eine transparente Kommunikation und ein kontinuierliches Reporting über die Umsetzung der Maßnahmen. Unserem Bestreben, unseren Kunden verantwortungsbewusste Anlagelösungen mit wettbewerbsfähigen und nachhaltigen Renditen anzubieten, kommen wir bei jeder Investmententscheidung mit einem etablierten Prozess zur Berücksichtigung von ESG-Kriterien nach, so Dr. Volker Schmidt, Senior Portfolio Manager von ETHENEA. (Ausgabe 4 vom April 2021) (08.04.2021/alc/a/a)