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Mittel- und osteuropäische Staatsanleihen bieten attraktive Chancen


06.11.17 12:00
T. Rowe Price

Baltimore (www.anleihencheck.de) - Das Wirtschaftswachstum in Mittel- und Osteuropa (Central and Eastern Europe, CEE) hat die Markterwartungen übertroffen, was zum Teil auf robuste private Konsum- und Investitionsausgaben zurückzuführen ist, so Ivan Morozov, Fixed Income Sovereign Analyst bei T. Rowe Price.

"Wir konnten dieses starke Wachstum in einer Reihe von Ländern der Region beobachten", sage Ivan Morozov. "Das eröffnet Fixed-Income-Investoren mehrere attraktive Möglichkeiten."

So hätten Rumänien, Tschechien, Polen und Ungarn bislang in diesem Jahr ein positives Wachstum erzielt, das sich bis Ende des Jahres fortsetzen dürfte. "Die mitteleuropäischen Länder, insbesondere die Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU), haben vom Wachstum in der gesamten Union profitiert, da die EU der größte Abnehmer von CEE-Exporten ist", sage Morozov. "Serbien beispielsweise, obwohl kein EU-Mitglied, hat von Abkommen mit der EU profitiert, durch das es Industriegüter in den europäischen Binnenmarkt exportieren kann."

Ein starkes Exportwachstum in ganz Mittel- und Osteuropa habe zu mehr Investitionen und Beschäftigung geführt, was wiederum zu einem gesunden Wachstum der Binnennachfrage in der Region geführt habe. "Finanzielle Stimulierungsmaßnahmen, einschließlich Steuersenkungen und Erhöhungen der Rentenauszahlungen, haben weiter zum Wachstum beigetragen - insbesondere in Rumänien, Ungarn und Polen." Außerdem hätten Gelder aus EU-Strukturfonds die Region beflügelt. "Polen könnte der größte Profiteur der geplanten Unterstützungsfonds aus dem EU-Haushalt 2014 bis 2020 sein. In diesem Zeitraum wird das Land etwa 115 Milliarden Euro erhalten", sage Morozov.

Auch in Russland und der Türkei seien die Wirtschaftszahlen gut. "Dieses schnelle Wachstum hat die Arbeitsmarktsituation vieler dieser Volkswirtschaften verändert", sage Peter Botoucharov, Fixed Income Sovereign Analyst bei T. Rowe Price. "Die Arbeitslosigkeit in einigen CEE-Ländern, wie Tschechien, Ungarn und Polen, ist auf ein historisch niedriges Niveau gesunken, und der Arbeitskräftemangel nimmt zu. Das Lohnwachstum war außergewöhnlich stark und verzeichnete im vergangenen Jahr in mehreren CEE-Ländern einen zweistelligen Zuwachs." Trotzdem seien die Lohnkosten in der Region im Vergleich zu Westeuropa niedrig geblieben, was Investitionen aus dem Ausland fördere. In Russland sei die Arbeitslosigkeit auf den niedrigsten Stand seit 2014 gesunken.

"Trotz des breiten, gleichmäßigen Wachstums in den mittel- und osteuropäischen Ländern, hat die Inflation sich unterschiedlich entwickelt", sage Botoucharov. "Auf der einen Seite haben Länder wie Russland und die Türkei eine hohe, aber sinkende Inflation. Auf der anderen Seite ist in einigen CEE-Ländern mit niedrigen Inflationsraten allmählich ein Anstieg zu beobachten, aufgrund des verbesserten Wachstums und der geringeren Arbeitslosigkeit."

In Ungarn sei dabei die Reflation am stärksten, da hier das Wirtschaftswachstum von arbeitsintensiven Industrien getrieben worden sei und es einen akuten Mangel an Arbeitskräften gegeben habe. "Die Gesamtinflation in Ungarn stieg bis August stärker als in jedem anderen Land in Mittel- und Osteuropa, obwohl die Inflation unter der Zielmarke der ungarischen Zentralbank bleibt", sage Botoucharov. Auch Polen, die Tschechische Republik, Rumänien und Serbien sähen sich mit steigenden Preisen konfrontiert. In diesen Volkswirtschaften, in denen die Zinsen für die Schwellenländer vergleichsweise niedrig seien, würden die Zentralbanken beginnen, ihre Geldpolitik einzuschränken.

"Zusätzlich zu den verschiedenen Entwicklungen der Inflation sind unterschiedliche Reaktionen der Zentralbanken auf das Wirtschaftswachstum zu beobachten", sage Botoucharov. "In den Ländern, in denen die Inflation zunimmt, schränken die Zentralbanken ihr Geldpolitik unterschiedlich stark ein. Die verschiedenen geldpolitischen Ansätze in den mittel- und osteuropäischen Ländern sind ein Spiegel des gesamten Emerging Markets-Universum." Nach der Finanzkrise hätten viele Zentralbanken eine akkommodierende Geldpolitik verfolgt und die Zinssätze auf Rekordtiefststände gesenkt, um die wirtschaftliche Erholung anzukurbeln. "Trotz des jüngsten Wachstumsanstiegs bleibt die Geldpolitik in vielen Ländern angepasst, da die politischen Entscheidungsträger nach Jahren des stagnierenden Wachstums immer noch vorsichtig sind."

Kurzfristig sei das Investment-Umfeld vielversprechend. "Es bestehen aber gewisse politische Unwägbarkeiten, die längerfristig ein potenzielles Risiko für die Region bergen", sage Morozov. "Polen, Ungarn und, in geringerem Maße, auch Rumänien, sehen sich mit politischen Protestbewegungen konfrontiert, die sich gegen die Globalisierung wenden und sich auf nationale Interessen konzentrieren. Diese Entwicklungen haben das Potenzial, den Ländern in Mittel- und Osteuropa auch langfristig zu schaden."

Die EU habe zwar kein Instrument, um Länder zu bestrafen, die gegen die Demokratieprinzipien der Union verstoßen würden, sie könnte aber zu Beginn des nächsten Haushaltszyklus 2020 die Mittel aus EU-Strukturfonds kürzen. "Angesichts der Bedeutung dieser Fonds für die CEE-Länder könnten die Auswirkungen auf das Wachstum erheblich sein", sage Morozov. "Das könnte sogar zu Herabstufungen der Kreditwürdigkeit führen."

"Die divergierende Inflationsdynamik und die unterschiedlichen geldpolitischen Ansätze in Mittel- und Osteuropa bieten insbesondere attraktive Investmentgelegenheiten im Bereich Relative Value", sage Botoucharov. "Wir gewichten derzeit Anleihen mit langer Laufzeit solcher Länder über, in denen die Zinsen hoch sind und voraussichtlich sinken werden oder in denen die Geldpolitik außergewöhnlich zurückhaltend ist und die Zentralbanken die Flexibilität haben, diese beizubehalten. Staatsanleihen von Ländern mit niedrigen Zinssätzen und restriktiveren Zentralbanken gewichten wir geringer."

Zudem böten sich bei den Währungen Investmentgelegenheiten. "Ungeachtet jedoch der Möglichkeiten, die durch das starke Wirtschaftswachstum entstanden sind, sollten solche Positionen ständig neu evaluiert werden", sage Botoucharov. "Wenn sich Änderungen bei Inflation oder Wachstum ergeben, müssen Investmententscheidungen gegebenenfalls revidiert werden. Es ist entscheidend, aktives Management mit detailtiefer Expertise und einem risikobewussten Ansatz zu kombinieren, um Marktineffizienzen abzuschwächen und Chancen zu nutzen." (06.11.2017/alc/a/a)