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Massiver Renditeanstieg an den Rentenmärkten: Ist der Ausverkauf vorbei?


04.05.22 09:00
ALTE LEIPZIGER Trust

Oberursel (www.anleihencheck.de) - Im April hat sich die Stimmungslage unter den europäischen Einkaufsmanagern gemäß der Umfrage von S&P Global leicht verbessert, so die Experten der ALTE LEIPZIGER Trust.

Der umfassende Composite-Index habe im April 0,9 Zähler gewonnen und notiere aktuell bei 55,8 Punkten. Lockerungen der Corona-Restriktionen würden die Dienstleister erfreuen. In der Industrie sinke dagegen das entsprechende Stimmungsbarometer. Die gestiegene Unsicherheit durch den Krieg in der Ukraine, steigende Rohstoffpreise und Energiekosten sowie die globalen Lieferkettenprobleme würden auf die Stimmung drücken. Die Geschäftsperspektiven für die kommenden Monate würden daher insgesamt spürbar pessimistischer eingeschätzt. Das Verbrauchervertrauen sei angesichts des Krieges in der Ukraine annähernd so kräftig eingebrochen wie zu Beginn der Corona-Pandemie. Das liege auch an der sich dynamisch entwickelnden Inflation.

Die Augen würden sich zunehmend auf die Geldpolitik richten: Die EZB habe bei ihrer geldpolitischen Entscheidung im April am Kurs einer graduellen, datengestützten Normalisierung der Geldpolitik und eines Endes des APP- Kaufprogramms im dritten Quartal festgehalten. Nach der Entscheidung seien allerdings Stimmen aus dem Direktorium laut geworden, ein Ende der Käufe sei schon im Juli gerechtfertigt. Das Risiko einer früheren Zinsanhebung sei somit gestiegen. Ein erster Zinsschritt im September werde am Markt mittlerweile als fast so wahrscheinlich gehandelt wie die von einigen Analysten avisierte Anhebung des Einlagesatzes erst im Dezember. Entscheidend werde sein, wie stark die Wirtschaft unter dem Ukraine-Krieg leide.

Die US-Wirtschaft habe zum Ende des ersten Quartals von den erfolgten Corona-Öffnungen profitiert, der Output habe insbesondere in der Industrie kräftig expandiert. Die April-Frühindikatoren würden jedoch inflationsbedingte Abkühlungstendenzen des privaten Konsums bezeugen. Der Kaufkraftverlust habe sich durch den Energiepreisanstieg verschärft und dürfte das Wachstum zunächst spürbar belasten. Die CPI-lnflation könnte mit 8,5% im März ihren Gipfel erreicht haben, sollte im weiteren Jahresverlauf aber nur langsam abnehmen. Das BIP-Wachstum für die USA werde bei 3,3% und die Inflationsrate von 7,2% für 2022 erwartet.

Auch wenn sich der Preisdruck zuletzt überwiegend außerhalb der von der FED präferierten Kernrate abgespielt habe, hätten sich FOMC-Mitglieder für eine Beschleunigung der Leitzinserhöhungen ausgesprochen. Nach der Zinserhöhung im März von 25 Basispunkten würden die Experten mit gewichtigeren Zinsschritten von jeweils 50 Basispunkten im Mai und Juni rechnen. In der zweiten Jahreshälfte dürfte die Konjunktur auch die Straffung seitens der FED verlangsamen.

Anhaltend aufwärts gerichtete Inflationserwartungen und weiter anziehende Zinserwartungen sowohl in den USA als auch im Euro-Raum hätten die Renditen in den vergangenen Wochen kräftig steigen lassen. 10-jährige Anleihen der Bundesrepublik Deutschland seien inzwischen auf 1% geklettert, diejenigen Frankreichs und Italiens auf 1,4% bzw. 2,7%. US-Treasuries würden aktuell um 3% notieren.

Mittlerweile scheine aber das Gros der Zinsanstiegserwartungen diesseits und jenseits des Atlantiks von den Märkten eingepreist. Auch wenn kurzfristig angesichts der hohen Inflationsunsicherheit ein weiteres Überschießen der Renditen nicht vollends ausgeschlossen sei, sollte auf Sicht von sechs bis zwölf Monaten bei wieder rückläufiger Inflation und schwächerem Wachstum mit einer Korrektur des Renditeaufwärtstrends gerechnet werden können.

Nach den kräftigen Renditeanstiegen der letzten Wochen, die folgerichtig zu signifikanten Kursverlusten geführt hätten, hätten sich die Performanceperspektiven nun wieder deutlich verbessert.

Das erwartete Überschreiten des Inflationsgipfels, eine konjunkturelle Verlangsamung und eine Korrektur der heiß gelaufenen Zinserwartungen sollten trotz der geldpolitischen Straffung zu einer Abwärtskorrektur der Treasury- und Bund-Renditen führen. Damit dürften mit Staatsanleihen auf Sicht von sechs bis zwölf Monaten wieder positive Erträge erzielt werden können. Die Experten würden die Staatsanleihen-Segmente daher um je eine Stufe auf "Neutral" hochstufen. Liquidität würden sie im Gegenzug von "Übergewichten" auf "Neutral" herabstufen. Treasuries würden durch den Carry-Vorteil zwar mehr Potenzial als Euro-Staatsanleihen bieten, aus Sicht eines Anlegers im Euro-Raum dürfte die höhere Verzinsung aber durch die erwartete Dollar-Abwertung aufgezehrt werden. (Ausgabe Mai 2022) (04.05.2022/alc/a/a)