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Massiver BIP-Rückgang in Deutschland stützt Rentenmärkte


30.07.20 16:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen der Staatsanleihen aus Deutschland und den USA bewegen sich weiterhin in einer relativ engen Bandbreite, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Bundrenditen lägen im zehnjährigen Bereich derzeit bei -54 BP und damit niedriger als vor einer Woche. Ähnlich sehe es aus bei den T-Notes, die im gleichen Laufzeitsegment derzeit bei +56 BP rentieren würden. Neben der FED-Sitzung und den BIP-Zahlen aus Deutschland sei das beherrschende Thema an den Finanzmärkten derzeit die Berichtssaison der Unternehmen für das zweite Quartal.

In den USA sei diese beim S&P 500-Index bereits recht weit fortgeschritten (203 Unternehmen hätten bislang berichtet) und verlaufe gemessen an dem Verhältnis von positiven zu negativen Überraschungen bei Umsätzen und Gewinnen erstaunlich gut. 66% der Firmen hätten höhere Umsätze vorzuweisen als von den Analysten erwartet, 34% schlechtere. Bei den Gewinnen sehe es sogar noch besser aus. Allerdings sollte das nicht darüber hinwegtäuschen, dass sowohl die Umsätze als auch die Gewinne bei über 60% der Unternehmen eingebrochen seien. Angesichts des massiven Anstiegs der Covid-19-Infektions- und Todesfälle in bevölkerungsreichen Bundesstaaten wie Kalifornien, Florida und Texas sei nur mit einer gedämpften konjunkturellen Erholung zu rechnen. Das sollte sich auch in den Unternehmenszahlen widerspiegeln sowie in den Inflationsraten. Vor diesem Hintergrund sei die Fantasie für einen Anstieg der Staatsanleiherenditen begrenzt.

Die Berichtssaison in Europa sei bislang etwas weniger überzeugend, was auch daran gelegen habe, dass die Pandemie in Europa früher zugeschlagen habe. Im dritten Quartal könnte sich von daher das Blatt zugunsten der europäischen Unternehmen wenden.

Bemerkenswert sei in den vergangenen Wochen der Rückgang der Risikoaufschläge insbesondere von italienischen Bonds gewesen. Sie hätten von dem EU-Wiederaufbaufonds profitiert, auf den sich die Regierungschefs der EU am 21. Juli geeinigt hätten. Sollten wie geplant im Spätesommer/Herbst das Europäische Parlament und die nationalen Parlamente dem Paket zustimmen, könnten sich die Spreads weiter einengen.

Bei der gestrigen FED-Sitzung habe Notenbankchef Jerome Powell einen "dovishen" Ton angeschlagen, was angesichts der dramatischen Corona-Neuinfektionszahlen nicht überrascht habe. Powell habe festgestellt, dass man jetzt wesentlich stärker als früher täglich verfügbare Aktivitätsindikatoren wie Mobilitätsdaten, Kreditkartenumsätze und dergleichen beobachte. Diese Daten würden nahe legen, dass die Erholung der vergangenen Monate sich bereits wieder verlangsame. Darüber hinaus habe sich die FED genötigt gesehen, den eigentlich trivialen Zusammenhang zwischen dem Infektionsgeschehen und der wirtschaftlichen Aktivität im Statement zu benennen. Man könne dies als Appell an die Regierung verstehen, genau diesen Zusammenhang zu verstehen und danach zu handeln.

Indirekt habe sich Powell auch in die derzeit stattfindende Debatte im Kongress über die Verlängerung der zusätzlichen Arbeitslosenunterstützung eingemischt, die am Freitag (31.07.) auslaufe. Der FED-Präsident habe betont, dass die bisherigen Hilfspakete sehr wirksam gewesen seien und die Konjunktur erheblich unterstützt hätten.

In diesem Zusammenhang sei festzustellen, dass sich Republikaner und Demokraten bislang nicht auf eine Verlängerung hätten einigen können. Dies stelle ein erhebliches Risiko für die Konjunktur dar. Denn bislang hätten Arbeitslose pro Woche 600 US-Dollar an zusätzlicher Unterstützung erhalten, die ohne eine Einigung ersatzlos wegfallen würde. Vermutlich werde es nach einer Verzögerung von ein paar Wochen doch zu einer Lösung kommen, aber für viele betroffene Haushalte könne dies zu erheblichen Einschränkungen führen, die sich auch im gesamtwirtschaftlichen Konsum niederschlagen werde. Die Republikaner würden argumentieren, dass das Geld den Menschen den Anreiz nehme, überhaupt Arbeit zu suchen. Bei einem Mindestlohn von 7,25 US-Dollar pro Stunde komme man bei einer 40-Stunden-Woche auf 290 US-Dollar, deutlich weniger als der 600 US-Dollar-Zuschuss. Allerdings sei auch festzustellen, dass angesichts der Pandemie viele Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich schlicht nicht mehr da seien.

Nach dem heute veröffentlichten Einbruch des BIP in Deutschland für das zweite Quartal (-10,1% QoQ) würden die Märkte ihr Augenmerk auf die USA richten, wo heute ebenfalls die Wachstumszahlen für den gleichen Zeitraum veröffentlicht würden. Erwartet werde eine annualisierter Rückgang gegenüber dem Vorquartal von 34%. Morgen würden die BIP-Zahlen für Frankreich, Italien und Spanien folgen, die einen noch größeren Rückgang aufweisen dürften als das in Deutschland der Fall sei. Dann werde man bereits einen relativ klaren Blick dafür haben, welchen Schaden die Pandemie bislang angerichtet habe.

Nächste Woche würden dann noch zahlreiche PMI-Einkaufsmanagerindices folgen, etwa für Italien und Frankreich, aber auch für China und die Welt. In Deutschland sei außerdem auf die Auftragseingänge zu achten und am Ende der kommenden Woche sei der US-Arbeitsmarktbericht zu beachten. Einen ständigen Blick müsse man auf die Covid-19-Neuinfektionszahlen haben. In Deutschland steige der Siebentagesdurchschnitt seit zwei Wochen stetig an und das Robert-Koch-Institut spreche von einer besorgniserregenden Entwicklung. (30.07.2020/alc/a/a)