Erweiterte Funktionen

Marktausblick 2022: Geopolitik kann irritieren


10.01.22 08:45
SIGNAL IDUNA AM

Hamburg (www.anleihencheck.de) - In der Woche vor Weihnachten hatten die US-amerikanische Notenbank und die Europäische Zentralbank für die Börsianer dies- und jenseits des Atlantiks bereits ihre Präsente ausgepackt - auch wenn der Inhalt variierte, so Bodo Orlowski, CEFA der SIGNAL IDUNA Asset Management GmbH.

Amerikas Währungshüter würden sich willig zeigen, die Zügel anzuziehen; die EZB hingegen meine, dass die hiesige Inflation nur eine vorübergehende Erscheinung sei und behalte ihren expansiven Kurs bei. Zudem würden unter Verweis auf das neue symmetrische Inflationsziel zeitweise höhere Inflationsraten toleriert. Damit sei der Rahmen für 2022 gesteckt.

Was heiße das für die wichtigsten Assetklassen? Der Euro sollte bis zu einem Kurswechsel der EZB zumindest gegenüber dem US-Dollar, aber tendenziell auch anderen wichtigen Währungen wie dem Britischen Pfund, dem Schweizer Franken oder dem Japanischen Yen weiter an Boden verlieren. Die exportorientierte Industrie hierzulande werde es freuen, gleichzeitig jedoch die Inflation in der Eurozone nach Erachten der Experten infolge sich verteuernder Importe hochhalten. Der US-Dollar sollte 2022 zu den gesuchteren Anlagewährungen gehören - der Gedanke an echte Zinsen am kurzen Ende dürfte, wenn auch nicht für Begeisterungsstürme, so doch zumindest für starkes Wohlwollen gegenüber dem Greenback sorgen.

Die Zinskurven in Euroland sollten in der Folge etwas steiler werden, die in den USA sich tendenziell nach oben verschieben würden. Zwar wolle die EZB an ihrem - neu sortierten - Ankaufvolumen festhalten. Doch werde der Markt die Inflationserwartungen einzupreisen versuchen. Da die negative Einlagenverzinsung aufrechterhalten werden werde, könne das nur in den mittleren und längeren Laufzeiten passieren. Für Rentenanleger also eine undankbare Situation.

Einfacher scheine es auf der Aktienseite zu werden. Auch wenn die Experten keine Anstiege im Umfang des zurückliegenden Jahres erwarten würden: Die nach wie vor im Überfluss vorhandene und zumindest in Euroland weiter steigende Marktliquidität bleibe neben den deutlich negativen Realzinsen ein wichtiges Argument. Zudem sollte die konjunkturelle Entwicklung auf beiden Kontinenten für Rückenwind sorgen.

Die Experten würden davon ausgehen, dass sie in Europa wie in Nordamerika 2022 eine Fortsetzung des deutlichen Wirtschaftswachstums sehen würden. Im privaten Sektor seien die Nachholeffekte aufgrund der anhaltenden Störungen der weltweiten Lieferketten noch immer nicht abgeklungen und würden durch die während der ersten Phase der Pandemie intensivierte Sparquote gestützt. Staatlicherseits würden die in den USA und Europa beabsichtigten Infrastrukturmaßnahmen das Ihre dazu beitragen, die Nachfrage in zahlreichen Branchen hoch zu halten.

Doch wo Licht sei, sei auch Schatten: Die Preissteigerungen im Beschaffungsbereich würden Druck auf die Margen der Unternehmen ausüben - nicht alle würden diesen weitergeben können. Auch sei zu erwarten, dass die Inflation höhere Lohnforderungen begründe und es damit zu den von Ökonomen befürchteten Zweitrundeneffekten und einer Verstetigung der Inflation kommen werde. Das wiederum sollte selbst die EZB dazu nötigen, ihre Staatsfinanzierung zurückzufahren, und wäre ein Signal für ein Auslaufen der bisherigen Liquiditätszufuhr.

Unwägbarkeiten für die Aktien- und Rentenmärkte würden traditionell von geopolitischer Seite drohen. Bereits 2020 habe das Internationale Institut für Konfliktforschung 40 beschränkte und unbeschränkte kriegerische Konflikte auf nationaler bzw. internationaler Ebene identifiziert. Am präsentesten seien für die Europäer sicherlich die Spannungen zwischen Russland und der NATO bzw. der EU um die Ukraine sowie zwischen China und den USA bzw. seinen regionalen Nachbarn. Doch auch in Syrien, im Irak, im Jemen und weiten Teilen Afrikas gebe es - weiterhin - keinen Frieden.

Solange die Energie- und Rohstoffproduzenten bzw. die Handelsrouten der westlichen Welt davon nicht betroffen seien, würden sich die Kapitalmärkte unbeeindruckt zeigen. Doch wenn es hier zu Beeinträchtigungen durch die bestehenden oder neue, bislang nicht wahrgenommene Konflikte käme, würde das zu mindestens kurzfristigen Reaktionen führen. Militärische Interventionen oder gar weitergehende Eskalationen dürften perspektivisch US-Dollar und Gold als klassische Risikoversicherungen befördern - Aktien aber mit hoher Wahrscheinlichkeit drücken.

Denn die gestiegenen Energiepreise seien für die Industrienationen bereits heute eine Belastung. Ein weiterer Anstieg könnte dabei die konjunkturellen Aussichten dämpfen. Dies käme der EZB womöglich ganz gelegen - denn ein schwächerer konjunktureller Ausblick wäre dann trotz steigender Inflationsraten ein Grund, die Geldpolitik weiterhin so expansiv zu handhaben. Ein Schelm, wer Böses dabei denke. (10.01.2022/alc/a/a)