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Märkte unter uns: Ratsam, in Alternativszenarien zu denken


07.12.17 12:30
Raiffeisen Capital Management

Wien (www.anleihencheck.de) - Die Mehrheit der Marktteilnehmer beschreibt das Umfeld für das kommende Jahr folgendermaßen: Das gute globale Konjunkturwachstum setzt sich mit einem Wert von rund 3,5 % auch 2018 fort; die Inflation bleibt mit 3 % auf dem Niveau von 2017; die Notenbanken reduzieren wohl die Unterstützung, allerdings sehr behutsam; die Unternehmensgewinne steigen im Jahr 2018 abermals zweistellig, so Ingrid Szeiler, CIO der Raiffeisen KAG.

Auf Basis dessen würden die Strategen in ihren Ausblicken nachvollziehbar zu positiven Meinungen für die Aktienmärkte kommen. Erfahrungsgemäß lägen die prognostizierten Anstiege zwischen 5% und 10%. Nach dem Motto: weniger sei dem Leser nicht zumutbar, mehr klinge unglaubwürdig. Für die Anleiherenditen würden zumeist leichte Anstiege vorausgesagt. Leider würden sich die Märkte nur selten an die Prognosen halten. Die Wertentwicklung des S&P 500 habe in den letzten 40 Jahren in 92,5% der Fälle außerhalb der erwähnten Bandbreite gelegen. Nicht nur deshalb sei es immer ratsam, in Alternativszenarien zu denken.

Jenes auf der negativen Seite sei recht offensichtlich: Das aktuelle "Goldilocks"-Szenario (wie eingangs beschrieben) wäre im Falle eines unerwarteten, starken Inflationsanstiegs rasch obsolet. Die Notenbanken müssten stärker bremsen, die Wachstumsaussichten würden sich eintrüben, so gut wie alle Marktsegmente wären negativ betroffen. Wahrscheinlichkeit: nicht zu vernachlässigen. Aber auch das positive Übertreffen der Prognosen sei nicht schwierig zu konstruieren: Das Wirtschaftswachstum bleibe hoch bzw. beschleunige weiter. Die Inflation bleibe konstant.

Technologieaktien würden noch mehr Investoren anziehen, Bitcoin erreiche 100.000 und Manchester City kaufe Messi um eine Milliarde, weil der Ölpreis zuvor auf 80 Dollar gestiegen sei. Globale Aktien würden um 25% steigen, Staatsanleihen würden stabil bleiben. Wahrscheinlichkeit: gering. Die Experten würden in Bezug auf die Aktienmärkte über den Jahreswechsel eine neutrale Position einnehmen. Die zweifellos guten Fundamentaldaten stünden immer stärker überzogenen Stimmungsindikatoren gegenüber. Bei Anleihen würden die Experten vorsichtig bleiben, Rohstoffe würden sie positiv sehen.

Der US-Aktienmarkt befinde sich weiterhin in der Phase eines sehr stabilen Anstieges. Die Schwankungen seien dabei äußerst gering. Angetrieben werde der Markt von den großen Wachstumsaktien ("Large Cap Growth"), die insbesondere im Technologiesektor zu finden seien. Der Markt sei gestützt von guten Fundamentaldaten (Konjunkturausblick, Unternehmensgewinne, niedrige Inflation) sowie von einem robusten technischen Bild (z. B. Marktbreite). Die Experten würden vor allem den wichtigen US-Aktienmarkt im historischen Vergleich als bereits sehr teuer bewertet sehen. Die europäischen Aktienmärkte hätten in den letzten Monaten deutlich zulegen können.

Sehr gute Konjunkturdaten, ein positives Bild bei den Unternehmensgewinnen sowie eine vorerst weiterhin sehr expansive Notenbankpolitik hätten diese Entwicklung unterstützt. Die Erwartungshaltung der Investoren habe sich diesem positiven Bild aber angepasst und spiegele sich aktuell in einer sehr optimistischen Stimmung bei den Investoren wider. Die Experten würden daher das Potenzial für weitere positive Überraschungen kurzfristig begrenzt sehen.

Die Rahmenbedingungen würden jedoch für die Entwicklung in den nächsten Monaten eine gute Basis bilden. Die Bewertungen von Emerging Markets-Aktien würden sich nach wie vor auf recht soliden Niveaus befinden und würden weiterhin durch gutes Gewinn-Momentum tief gehalten. Dennoch erscheine die letzte Bewegung vor allem durch einen starken Sentiment-Shift - ausgehend von den USA - getrieben worden zu sein. Mittlerweile würden die größten Indexgewichte bei den Emerging Markets ebenfalls aus dem Technologiesektor kommen.

Während die Renditen für Staatsanleihen europäischer Kernländer zuletzt tendenziell weiter gesunken oder zumindest seitwärts gegangen seien, hätten sich Staatsanleihen aus den Peripherieländern zuletzt sehr gut entwickelt. Bei US-Staatsanleihen gebe die "Flachheit" der Zinskurve weiterhin Rätsel auf. Im zweiten Halbjahr seien die zweijährigen Renditen um 36 Basispunkte gestiegen, die 10-jährigen allerdings nur um 4 Basispunkte. Das bringe die Differenz auf nur noch 60 Basispunkte, was dem niedrigsten Wert der letzten zehn Jahre entspreche.

Es stelle sich die Frage, ob diese Entwicklung mit dem aktuellen Konjunktur- und Zinsausblick konsistent sei. Vermutlich nicht. Die Renditeaufschläge bei Hartwährungsanleihen seien weiter rückläufig, getrieben von einem Emerging Markets freundlichen Umfeld: Solides Wachstum unterstützt von steigenden Rohstoffpreisen. Interessant sei, dass hingegen bei Lokalwährungsanleihen eine etwas schwächere Währungsentwicklung bemerkbar sei, sowohl gegenüber dem US-Dollar als auch gegenüber dem Euro. Dies hänge wohl damit zusammen, dass das Thema Zinsanhebungen der US-Notenbank - zumindest am kurzen Ende der US-Zinskurve - recht deutlich gespielt werde. Ein gewisses Risiko bestehe weiterhin, weil der Markt die zu erwartenden Zinsanhebungen der FED noch nicht vollständig reflektiert habe.

Bei europäischen High Yield Anleihen seien stärkere Ausweitungen der Risikoaufschläge zu beobachten gewesen. Das habe zur Folge gehabt, dass der Gesamtertrag dieser Anleihen seit Monatsbeginn erstmals seit längerem negativ gewesen sei. Bei Unternehmensanleihen, die ein besseres Rating aufweisen würden (Investmentgrade), sei diese Spreadausweitung nicht so stark gewesen.

In den USA sei bei den Unternehmensanleihen in den letzten Wochen eine leichte Korrektur zu beobachten gewesen. Die Risikoaufschläge bei den guten Qualitäten seien zeitweilig um etwa 5 Basispunkte gestiegen, jene der Hochzinsanleihen um ca. 35 Basispunkte. Zuletzt sei jedoch bereits wieder eine Beruhigung eingetreten. Die Experten würden im High-Yield-Segment ihre Positionen behalten und hätten darüber hinaus europäische Unternehmensanleihen besserer Bonitäten (Investmentgrade) zugekauft.

Die Rohstoffmärkte hätten ein deutliches Lebenszeichen von sich gegeben: Der Preis der Rohölsorte Brent sei beispielsweise von 49 auf knapp unter 65 USD pro Fass gestiegen. Auch Industriemetalle, wie Kupfer und Aluminium, hätten zwischenzeitig rund 20% zugelegt. Das gemeinsame Thema sei dabei, dass die Nachfrage nach Rohstoffen aufgrund der robusten globalen Konjunktur stark sei und auf Produktionsmengen treffe, die etwas geringer seien, als erwartet. Die Experten würden ein Investment in Rohstoff-Futures weiterhin als attraktives langfristiges Investment einschätzen, jedoch im Dezember bei den Energierohstoffen Gewinne mitnehmen und die Position reduzieren. (07.12.2017/alc/a/a)