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Macht der Zentralbanken für die Bekämpfung des Klimawandels nutzen


07.10.21 12:00
abrdn

London (www.anleihencheck.de) - Am 31. Oktober beginnt die COP26 in Glasgow - das nehmen Luke Bartholomew, Senior Monetary Economist, und Paul Diggle, Deputy Chief Economist des schottischen Vermögensverwalters abrdn, zum Anlass, um die Rolle der Zentralbanken bei der Bekämpfung des Klimawandels zu analysieren.

Die strategische Überprüfung der Europäischen Zentralbank (EZB) habe eindrucksvoll belegt, dass sich die Zentralbanken durchaus Gedanken über ihren Beitrag zur Erreichung der Klimaziele machen würden. Der Klimamaßnahmenplan der EZB sehe auf kurze Sicht nur relativ moderate Anpassungen der Geldpolitik vor, ab Mitte 2022 sei jedoch mit umfangreicheren Änderungen zu rechnen. Andere Zentralbanken würden eine ähnliche Vorgehensweise an den Tag legen.

Das wichtigste Argument für Zentralbanken, sich an der Bekämpfung des Klimawandels zu beteiligen, sei, Regierungen dazu zu bewegen, ebenfalls einen stärkeren politischen Schwerpunkt auf Klimaschutz zu legen. Angesichts der Dringlichkeit der Klimarisiken sollten alle zur Verfügung stehenden politischen Instrumente genutzt werden, um die Klimaziele der Regierung zu erreichen.

Doch stehe bei einer entsprechenden Beteiligung nicht die Neutralität der Zentralbanken auf dem Spiel? Nach Erachten der Experten würden sich bereits die nach der Krise von den Zentralbanken ergriffenen Maßnahmen nur schwer als neutral bezeichnen lassen.

Käufe von Staatsanleihen, Investment-Grade- und Hochzinspapieren, die Bereitstellung von Liquidität zu günstigen Konditionen sowie negative Zinsen würden sich allesamt auf die Wirtschaft auswirken. Beispielsweise komme der Kauf von Unternehmensanleihen in der Regel jenen Unternehmen zugute, die diese Papiere begeben würden, während von der Bereitstellung zusätzlicher Liquidität vor allem Banken profitieren würden. Die Nutzung dieser Instrumente scheine also per se nicht neutral zu sein, da einige Sektoren stärker profitieren würden als andere.

Und es erscheine durchaus plausibel, dass selbst beabsichtigte Verstöße gegen das Neutralitätsversprechen gerechtfertigt sein könnten, solange sie im Einklang mit den allgemeinen demokratischen Verpflichtungen der Gesellschaft, in der die Zentralbank tätig sei, stünden und das Wohlergehen fördern würden. Und in jenen Gesellschaften, die ihren Zentralbanken das Mandat erteilen würden, zur Erreichung der Klimaziele beizutragen, wäre die Aufgabe der Neutralität zur Förderung der grünen Wende vertretbar angesichts der extremen Folgen von Untätigkeit für das Wohlergehen.

In den Augen der Experten stünden Zentralbanken drei Wege zur Bekämpfung des Klimawandels offen.

Die erste und konservativste Möglichkeit sei, die Auswirkungen des Klimawandels, die physischen und finanziellen Risiken sowie alternative Szenarien verstärkt bei den Konjunktur- und Inflationsprognosen, den Stellungnahmen nach Zentralbanksitzungen und den Stresstests der Banken zu berücksichtigen. Die meisten Auswirkungen des Klimawandels würden über Zeiträume zum Tragen kommen, die über die drei Jahre hinausgehen würden, für die die Zentralbanken in der Regel ihre Prognosen abgeben würden. Doch die Zentralbanken könnten noch ausgeklügeltere Klimaszenarien bei den Stresstests der Banken anwenden und dadurch die Bedeutung des Klimawandels für die langfristige Wirtschafts- und Marktentwicklung steigern. Hierfür müssten die Zentralbanken selbstverständlich das erforderliche Know-how haben, um diese Aufgabe glaubwürdig auszuführen, und der Klimamaßnahmenplan der EZB sehe im ersten Jahr hauptsächlich eine Erarbeitung dieser Kompetenzen vor.

Die zweite und radikalere Möglichkeit bestünde darin, dass die Zentralbanken bei ihrem alltäglichen Bilanzmanagement und ihren Tagesgeldgeschäften die Bewertung eines Vermögenswerts, der als Sicherheit für einen Kredit fungiere, anhand des Klimascores dieses Wertpapiers anpassen würden (auch als "Haircut" bezeichnet). Da Sicherheitentransaktionen stets und ungeachtet der geldpolitischen Haltung erfolgen würden, hätten die Zentralbanken mit diesem Ansatz die Möglichkeit, die Klimafolgen laufend zu beeinflussen. Dies lasse sich leicht rechtfertigen: Die Zentralbank könnte anführen, dass bei "braunen" Vermögenswerten ein höheres Risiko bestehe als bei entsprechenden "grünen" Finanzanlagen und ein größerer "Haircut" somit eine angemessene Maßnahme darstelle.

Die EZB habe überdies die Strukturierungsanforderungen für bestimmte grüne Anleihen gelockert, sodass diese nun als Sicherheiten infrage kommen würden, wenn das ansonsten nicht der Fall gewesen wäre. Bessere Klimaergebnisse würden sich sowohl aus der daraus resultierenden stärkeren Nachfrage seitens der Geschäftsbanken nach grünen im Gegensatz zu braunen Vermögenswerten (falls letztere weniger als Sicherheiten infrage kommen würden) und durch das Signal ergeben, das die Zentralbanken im Hinblick auf die mit grünen im Vergleich zu braunen Vermögenswerten verbundenen Risiken senden würden.

Drittens könnten die Zentralbanken noch einen Schritt weiter gehen und in ihrer Rolle als umsichtige Regulierungsbehörden unterschiedliche Kapitalanforderungen für die Kreditvergabeaktivitäten der Banken auf Grundlage von ESG-Kriterien festlegen - sozusagen ein klimaspezifisches Äquivalent zu einem antizyklischen Kapitalpuffer. Die Kapitalanforderungen für die Kreditvergabe an ein grünes Unternehmen oder für ein grünes Projekt könnten also niedriger angesetzt werden als bei anderen Arten von Krediten, wodurch die Kapitalkosten für diese Aktivitäten sinken würden und so die Kreditvergabe zur Unterstützung der grünen Wende angekurbelt werde.

Die Zentralbanktätigkeit dürfe aber keinen Ersatz für allgemeinere Regierungsmaßnahmen darstellen, sondern sollte als Ergänzung eines breiten Spektrums an politischen Instrumenten dienen. (07.10.2021/alc/a/a)