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Langweilige Anleihen? Keineswegs!


09.10.20 10:45
Degroof Petercam

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Peter De Coensel, Chef-Anleihenstratege bei DPAM, rät Anlegern, sich nicht von einem Finanzpopulismus anstecken zu lassen, der eine negative Einstellung gegenüber Anleiheninvestitionen verbreitet.

Denn mit dem richtigen Anlagehorizont und einem diversifizierten globalen Anleihenportfolio könnten Anleihenanleger nach wie vor Renditen zwischen 1% und 4% erwarten. Je weniger ein Anleger auf potenzielle mittlere Volatilitätsspitzen empfindlich reagiere und je offener er für eine Titelauswahl im Bereich von Schwellenländer-Staatsanleihen und High Yield-Anleihen sei, desto eher werde die erwartete Rendite von 4% erreichbar sein. Das Streben nach einem ausgewogenen und qualitativ höherwertigen Profil mit einer erwarteten Rendite von über 2% erfordere ein Engagement in Nicht-Euro-Anleihen in Höhe von etwa zwei Dritteln des Gesamtportfolios. Ein defensives Profil begnüge sich mit einer Rendite von knapp über 1%, während man hierfür immer noch gezwungen sei, ein Viertel in Nicht-Euro-Papieren anzulegen.

Die Hauptangst der Anleihenanleger bestehe darin, dass ein plötzlicher Anstieg der langfristigen Zinssätze eintrete. Tatsächlich könnten vorübergehende Spitzen bei den langfristigen Kernzinsen eine vorübergehende Korrektur der Anleihenportfoliowerte verursachen. Die Erholung sei jedoch sicher angesichts von Reinvestitionen auf höheren Zinsniveaus. Vielmehr könnten Risikoanlagen betroffen sein, da das "Low for longer"-Argument zur Erklärung der derzeit hohen Bewertungsniveaus verwendet (oder missbraucht) werde.

Die zentrale Frage sei nicht, wie lange die Leitzinsen negativ oder an der unteren Nullgrenze bleiben würden. Zum aktuellen Zeitpunkt würden die Märkte eine erste 10 Basispunkte-Zinserhöhung der EZB im ersten Quartal 2026 einpreisen. Es werde erwartet, dass der Einlagenzins bis zum ersten Quartal 2029 wieder in den positiven Bereich rücke, und dass die US-Zentralbank die Leitzinsen bis zum Sommer 2024 anhebe. Das sei für viele Marktakteure eine Ewigkeit.

Die Schlüsselfrage, die heute mit einem höheren Unsicherheitsgrad behaftet sei, laute also, wie steil die Zinskurven angesichts der wirtschaftlichen Erholung und der höheren Inflationswerte werden könnten. Das zentrale Szenario von Peter De Coensel sehe vor, dass der Druck in den nächsten Quartalen angesichts der anhaltenden Absorption von Duration durch die Zentralbank nur begrenzt steiler werde. Je länger der Markt brauche, um solche Risiken einzupreisen, desto höher sei der heutige Wert der Rolldown-Rendite. Mittelfristig werde die Rolldown-Rendite ein Haupttreiber der Anleihenrenditen sein.

Rückblickend auf die letzten 21 Jahre, also seit der Einführung des Euro an den Finanzmärkten, stelle sich die jährliche Gesamtrendite in Euro wie folgt dar: Euro-Staatsanleihen würden eine jährliche Rendite von 4,52% aufweisen. Europäische Unternehmensanleihen seien nicht in der Lage gewesen, vom zusätzlichen Kreditrisiko zu profitieren, und hätten angesichts der fehlenden Laufzeitprämie eine annualisierte Rendite von nur 4,10% geliefert.

Europäische Hochzinsanleihen würden eine jährliche Rendite von 5,35% und im Vergleich zu Staatsanleihen ein wesentlich höheres Volatilitätsprofil aufweisen. Der MSCI EMU Equity Total Return Index (MSCI) liefere eine annualisierte Rendite von 2,98%, die sich in Richtung 3,55% bewege, wenn man Europa als Universum betrachte. Auf Euro-Basis liege die Gesamtrendite des US-amerikanischen S&P 500-Index bei 6,78%, während die technologieintensive Nasdaq 8,78% erzielt habe.

Das Ziel des obigen Vergleichs bestehe nicht darin, die Überlegenheit von Aktienanlagen gegenüber Anleihen zu entkräften. Der Punkt, auf den der DPAM-Experte hinweisen möchte, sei, dass aktives Anleihenmanagement in den letzten zwei Jahrzehnten ein hervorragendes Ergebnis erzielt habe. Versierte Anleger hätten in vollem Umfang profitiert, die breite Anlegeröffentlichkeit jedoch eher weniger. (09.10.2020/alc/a/a)