Können die Gewinne steigen, wenn die Inflation nicht anzieht?


02.08.17 12:15
MFS Investment Management

Boston (www.anleihencheck.de) - Seit Jahrzehnten kämpfen Ökonomen gegen die Inflation - also gegen steigende Preisen ohne ausreichende Produktivitätsgewinne, so James Swanson, MFS Chief Investment Strategist.

Investoren und Geldpolitiker gleichermaßen würden die Inflation hassen, weil sie die Verbraucher ihrer Kaufkraft beraube und sie von langfristigen Investitionen abhalte - aus Angst davor, dass sie an Wert verlieren würden. In früheren Konjunkturzyklen hätten die Notenbanken in solchen Fällen die Zinsen erhöht, um das Wachstum zu dämpfen, spekulative Investitionen zu beenden und so den Anstieg der Verbraucherpreise einzudämmen. Üblicherweise steige die Inflation nach einigen Jahren des Aufschwungs, spätestens aber zur Mitte des Konjunkturzyklus.

Diesmal komme der Konjunkturzyklus zwar in die Jahre, aber die Inflation sei noch immer überraschend niedrig, deutlich schwächer als in früheren Zyklen. Weltweit sehe es kaum anders aus: In China gehe die Inflation zurück. Die Euroraum-Inflation sei zuletzt enttäuschend gewesen, obwohl das Wachstum überraschend hoch gewesen sei. Ähnliches sei aus Japan zu berichten. Selbst in Großbritannien, wo die Inflation nach dem Brexit-Votum aufgrund der Pfundabwertung kurzzeitig gestiegen sei, sei die Teuerung den jüngsten Daten zufolge wieder zurückgegangen.

Inflation habe große Auswirkungen auf die Preismacht von Unternehmen. In der Endphase eines Konjunkturzyklus könnten Unternehmen ihre Preise üblicherweise anheben, sodass die Erträge gemessen an den Fixkosten steigen und die Gewinnmargen zulegen würden. Doch in den allermeisten Industrieländern sei die Inflation noch immer sehr niedrig, sodass sich die Preismacht der Unternehmen in Grenzen halte.

Diesmal könnte die ausbleibende Inflation auch für Probleme am Markt sorgen, denn Aktien seien heute höher bewertet als in 90% der Zeit seit 1995. "Priced for Perfection", wie es so schön heiße. Doch bereits im Juni hätten die US-Einzelhandelsumsätze enttäuscht. Automobilabsatz und Automobilpreise seien schwach gewesen, und die Wohnungsmieten seien nicht mehr gestiegen. Die mangelnde Preismacht könnte dem zukünftigen Umsatzwachstum schaden - und für immer mehr Unruhe an einem Markt sorgen, an dem man nichts anderes kenne als immer weiter steigende Aktienkurse.

Nach Ansicht des Experten könne der Markt in nächster Zeit vor zwei Problemen stehen:

1. In der Vergangenheit seien Inflation und Kreditaufnahme der Unternehmen in der Endphase eines Konjunkturzyklus meist gestiegen. Dadurch hätten die Aktionäre mehr verdient, zumindest eine Zeit lang. Aber irgendwann, meist bevor die Konjunkturdaten wieder schwächer geworden seien, habe der Markt an Dynamik verloren. Die Aktienkurse seien aufgrund einer fatalen Kombination aus strafferer Geldpolitik, abnehmenden Investitionen und schwächeren Gewinnen gefallen. Wenn sich die Unternehmen dann höher verschulden würden, gehe der Konjunkturzyklus meist seinen üblichen Gang. Am Ende lasse die Wirtschaft nach und es komme zu einer Rezession, denn die Unternehmen würden in aller Regel zum schlechtesten Zeitpunkt neues Fremdkapital aufnehmen. Die Vergangenheit lehre, dass risikoreiche Finanzinstrumente wie Aktien und hochverzinsliche Unternehmensanleihen im Abschwung massiv verlieren würden. Im Schnitt sei der S&P 500-Index in der Rezession um 26% zurückgegangen. Das verkrafte niemand gut.

2. Dieser Zyklus scheine hingegen untypisch, denn die sonst in der Endphase übliche Inflation bleibe aus. Wenn also die Inflation niedrig bleibe und Preismacht sowie Gewinnwachstum bremse, würden die meisten Unternehmen ihre Gewinnerwartungen nicht erfüllen. Die Aktienkurse könnten fallen.

Gebe es eine Lösung für diese beiden Probleme? Vielleicht kehre die Inflation zurück, gefolgt von der Preismacht, und vielleicht würden die Notenbanken den derzeitigen moderaten Weltwirtschaftsaufschwung nicht ersticken. Aber so etwas habe der Experte in seiner ganzen Karriere noch nie erlebt. Vielleicht sei heute aber auch alles anders, und der Konjunkturzyklus finde kein Ende. Oder vielleicht senke der amerikanische Kongress die Steuern so stark, dass das Wirtschaftswachstum wieder angekurbelt werde.

Der Experte glaube allerdings nicht, dass Konjunkturzyklen der Vergangenheit angehören würden. Auch könne er sich kaum vorstellen, dass die Politik die Wirtschaft wirklich voranbringen könne. Da er nicht mit einem Wunder rechne, versuche er lieber, seine Kursgewinne seit dem Tiefststand 2009 zu sichern. Das seien immerhin fast 300%.

Für Investoren sei das Alter wichtig, denn von ihm hänge ab, wie viel Risiko man tragen könne. Für Konjunkturzyklen gelte das auch. Im Schnitt dauere ein Konjunkturzyklus fünf Jahre, aber der heutige sei schon acht Jahre alt. Der längste Konjunkturzyklus aller Zeiten sei zehn Jahre lang gewesen. Die Vergangenheit spreche also dafür, dass das Ende nahe - und je näher es komme, desto höher seien die Risiken. Wichtig sei dies vor allem aufgrund der Alterung der Weltbevölkerung. Im Schnitt sollten Investoren heute niedrigere Risiken eingehen als vor zehn Jahren, und sie sollten sich vor allem bewusst machen, dass der Konjunkturzyklus jederzeit vorbei sein könne.

Vor dem Hintergrund der sich ändernden Demografie, des schwachen Wirtschaftswachstums und der rekordhohen Verschuldung sollten Investoren vorsichtig sein - und in dieser Endphase des Konjunkturzyklus kein Risiko eingehen. (Ausgabe Juli 2017) (02.08.2017/alc/a/a)