Erweiterte Funktionen

Klimawandel: Geldpolitik auf dünnem Eis


10.02.21 11:15
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Weltumspannende Ereignisse treffen alle, so die Analysten der Helaba.

Dies habe die Pandemie eindrucksvoll demonstriert. Dabei habe sich zuletzt gezeigt, wie wichtig engagiertes sowie vorausschauendes Handeln sei. Die Mittel für die gesetzgebenden Regierungen seien naturgemäß umfangreich, die Instrumente vergleichsweise mächtig. Auch der Klimawandel sei zu einem überragenden Thema geworden, dem sich jedes Unternehmen und jede Institution stellen müsse.

Die Möglichkeiten der Geldpolitik seien da bescheidener. Im Vordergrund stünden Mittel, über die grundsätzlich jeder Anleger verfüge. Statt sich nur an Ertragszielen zu orientieren, gelte es nun auch, die Klimabilanz eines Investments zu berücksichtigen. Die EZB habe angekündigt, dies bei ihren nichtgeldpolitischen Portfolios (darin enthalten sei u.a. die Pensionskasse der Mitarbeiter) umzusetzen. Mit ihren milliardenschweren Kaufprogrammen von Unternehmensanleihen besitze die EZB jedoch einen deutlich größeren Hebel. Die Bevorzugung "grüner" Anleihen würde allerdings das Prinzip der Marktneutralität verletzten. Was für normale Investoren kein Problem darstelle, könne daher für diese mächtige Institution zum Politikum werden und sie dem Vorwurf der Industriepolitik aussetzen.

Zu berücksichtigen sei allerdings, dass die EZB im Zuge des Anleihekaufprogramms PEPP bereits heute vom festgelegten, zur Neutralität verpflichtenden Verteilungsschlüssel für den Kauf von Staatsanleihen abweiche. Dies erhöhe die Wirksamkeit der Maßnahmen, deute aber ebenfalls auf ein Misstrauen gegenüber der Lenkungsfunktion des Marktes hin. EZB-Präsidentin Christine Lagarde habe im letzten Jahr dazu folgende Aussage gemacht: "Angesichts der Beispiele für Marktversagen sollten wir uns die Frage stellen, ob Marktneutralität wirklich das Prinzip sein sollte, das das Management unseres geldpolitischen Portfolios leitet".

Übernehme die EZB aber das Steuer, so gehe sie ein nicht unerhebliches Risiko ein. Sie werde abseits ihrer Kernkompetenz angreifbar und sei ohne klares politische Mandat verletzlich. Durch die vielfältigen Interventionen und neuen Instrumente zur Krisenbekämpfung habe die Notenbank ihr Mandat bereits in den letzten Jahren deutlich ausgedehnt. Langfristig könnte die Vermischung von geld- und fiskalpolitischen Handlungsfeldern auch im Zusammenhang mit den Klimazielen ihre Reputation und Unabhängigkeit gefährden. Das Eis, auf dem sie sich bewege, sei auch aus einem anderen Grund dünn: Indem die EZB im Dauerkrisenmodus operiere, biete sie Staaten, Unternehmen und Konsumenten über einen langen Zeitraum historisch einmalig günstige Finanzierungsbedingungen. Davon würden viele Investitionen in den Klimaschutz profitieren.

Es gebe aber auch Schattenseiten: Reformen, Strukturwandel sowie ein nachhaltiges Konsumverhalten würden durch das billige Geld oft konterkariert. Die Wahrscheinlichkeit von Fehlallokationen, einem verschwenderischen Ressourceneinsatz sowie letztlich einem höheren Ausstoß an klimaschädlichen Emissionen steige mit jeder weiteren Lockerung. Würde die EZB das Klimaziel in letzter Konsequenz verfolgen, müsste sie sich eher früher als später von der liquiditätsgetriebenen Geldpolitik verabschieden und die Zinsen aus dem Negativbereich holen.

Dies sollte die Notenbank auch bei der strategischen Überprüfung ihres Inflationsziels im Auge behalten. Die Forderung, höhere Inflationsraten zu tolerieren - was letztlich einer Streckung der ultralockeren Geldpolitik gleichkomme - passe eigentlich nicht zu den neuen "grünen" Ambitionen. Es zeige sich wieder einmal: Die Zusammenhänge seien komplex und schnell komme es zu Zielkonflikten. Apropos Konflikte - warum nicht gleich den Kauf von Staatsanleihen einzelner Länder an das Erreichen bestimmter Klimaziele koppeln? (10.02.2021/alc/a/a)