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Die Kellner-Stundensätze im US-Lieblingsrestaurant liegen jetzt bei 60 US-Dollar


12.11.21 11:00
BlueBay Asset Management

London (www.anleihencheck.de) - 6,2 Prozent Zuwachs des Gesamtinflationsindex: Viele Marktteilnehmer gehen weiterhin davon aus, es müsse sich um eine vorübergehende Anomalie handeln, so Mark Dowding, Chief Investment Officer bei BlueBay Asset Management.

Er rufe zu Umsicht und Vorsicht auf: "Wir halten diese Einschätzung schlichtweg für falsch."

Der Verbraucherpreisindex in den USA habe in dieser Woche erneut deutlich über den Erwartungen gelegen: Die Kerninflationsrate habe mit 4,6 Prozent einen neuen Höchststand erreicht und die Gesamtinflation sei auf 6,2 Prozent geklettert.

Die Renditen von US-Staatsanleihen hätten daraufhin angezogen, seien in den vergangenen Tagen jedoch wenig verändert geblieben. Dies scheine vor allem mit der scheinbar unerschütterlichen Annahme zusammenzuhängen, dass sich der Anstieg der Inflation als vorübergehend erweisen werde. Diese Zuversicht erscheine in vielerlei Hinsicht ziemlich überraschend.

Die Experten könnten sich leicht vorstellen, dass die Preise in den kommenden Monaten stetig steigen würden, da unverändert negative Realzinsen bedeuten würden, dass die Geldpolitik lockerer werde, auch wenn die FED ihre QE-Käufe allmählich zurückfahre. Der Eindruck der Experten: Viele Marktteilnehmer hätten schon so lange keine Inflation mehr erlebt, dass sie davon ausgehen würden, es müsse sich um eine vorübergehende Anomalie handeln. Die Experten würden diese Einschätzung schlichtweg für falsch halten.

Je länger die Inflation hoch bleibe, desto mehr verfestige sich die Forderung der Arbeitnehmer nach höheren Löhnen. Auch den Unternehmen komme es oft nicht ungelegen, wenn sie Preisdruck ausüben und höhere Preise an die Verbraucher weitergeben könnten. Deren Bilanzen seien gesund und es gebe kaum Anzeichen dafür, dass die Inflation derzeit zu einer Verlangsamung der Nachfrage führe. Im Gegenteil: Da sich eine Vielzahl von Arbeitnehmern aus dem Erwerbsleben zurückgezogen habe, seien viele Unternehmen nicht in der Lage, alle von ihnen benötigten Arbeitskräfte einzustellen.

Ein ehemaliger US-Politiker habe den Experten diese Woche mitgeteilt, dass die Stundensätze für Kellner in seinem Lieblingsrestaurant in Vail, Colorado, inzwischen bei über 60 US-Dollar lägen. In Gesprächen mit Unternehmen habe er erfahren, dass sie dort Preiserhöhungen im Jahr 2021 nur relativ zögerlich auf den Weg gebracht hätten, für 2022 aber größere Erhöhungen planen würden, um die gestiegenen Kosten weiterzureichen.

Die höhere Inflation sei nicht nur ein US-Phänomen. Die PPI-Preise in China seien im vergangenen Jahr um 13,5 Prozent gestiegen. Auch eine Reihe von Schwellenländern habe weitere Preissteigerungen im Zusammenhang mit deutlich erhöhten Energiepreisen gemeldet.

In den USA sei derweil zu beobachten, dass die Nachfrage das Angebot weiterhin übersteige. Und die Ausgabenpolitik der US-Regierung könnte die Teuerung weiter anheizen: Steige die Inflation, sei die Versuchung groß, viel Geld rasch auszugeben, da es buchstäblich ein Loch in die Tasche brenne, wenn die Realzinsen negativ rentieren würden.

Ärmere Bevölkerungsschichten seien stets die Leidtragenden von hoher Inflation - doch der zunehmende Preisauftrieb könnte ironischerweise diejenigen, die aus dem Erwerbsleben ausgeschieden seien, zur Rückkehr auf den Arbeitsmarkt bewegen. (12.11.2021/alc/a/a)