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Kapitalmarktkommentar: Volatiler Herbst?


03.09.20 12:30
Raiffeisen Capital Management

Wien (www.anleihencheck.de) - Die Urlaubssaison neigt sich dem Ende zu, aber von einer Sommerpause am Aktienmarkt war nichts zu bemerken, so Ingrid Szeiler, CIO der Raiffeisen Kapitalanlage-Gesellschaft m.b.H.

So sei der Weltaktienindex auf Euro-Basis seit der letzten kleinen Korrektur Mitte Juni um immerhin zehn Prozent gestiegen, während im selben Zeitraum der amerikanische S&P 500 um satte 16 und der Technologiemarkt NASDAQ sogar um 25 Prozent, jeweils auf Dollarbasis, ungebremst weiter nach oben geklettert sei. Die US-Aktienmärkte hätten im Verlauf des Sommers neue Allzeithöchststände erreicht. Dass diese inmitten einer schweren Krise der Realwirtschaft zustande kommen würden - genau genommen in der schwersten Wirtschaftskrise seit dem zweiten Weltkrieg - sei Großteils auf die Maßnahmen von Regierungen und Notenbanken zurückzuführen. Die Marktindices von Europa, der Pazifikregion und den Schwellenländern seien hingegen von Höchstständen oder gar Allzeithöchstständen noch ein Stück weit entfernt.

Abgesehen von dieser regionalen Divergenz zwischen den USA und dem Rest der Welt, gebe es aber weitere ungewöhnliche Detailaspekte. Zunächst sei der Auslöser der Wirtschaftskrise - die Covid-19-Pandemie - bis dato weiter auf dem Vormarsch, wobei jüngst mit global 25 Millionen Infektionen eine neue Rekordmarke überschritten worden sei. Auch sei noch kein effektiver Impfstoff ausreichend getestet worden und zugelassen. Die Unternehmensergebnisse würden wohl erst im Frühjahr 2021 wieder positives Wachstum aufweisen. Neben zahlreichen technischen Indikatoren und Stimmungsumfragen, die auf eine überkaufte Marktsituation bzw. eine schon überhitzte Anlegerstimmung hinweisen würden, seien zuletzt auch die politischen Risiken wieder angestiegen.

Die Spreads europäischer Peripherieländer seien zuletzt weiter gesunken. Der italienische und auch der spanische Staatsanleihemarkt seien bis Mitte August die einzig relevanten Euro- Staatsanleihemärkte gewesen, die einen positiven Ertrag abgeworfen hätten. Das Szenario der Experten, ein Abschmelzen der Euro-Staatsanleihe-Spreads, bleibe aufrecht und damit ihre Zurückhaltung gegenüber europäischer Peripherieanleihen (Italien und Spanien).

Seit Mitte März hätten sich die Spreads an den Unternehmensanleihemärkten halbiert. Am High-Yield-Markt seien Ausfallsraten von über 15% erwartet worden. Gepreist würden nur noch 4,4% (Europa) bzw. 6,9% (USA). Ein intakter Primärmarkt, hohe Cash-Bestände der Unternehmen, Stützungskäufe der Notenbanken und bessere Konjunkturindikatoren (deren rasche Erholung von Analysten nach wie vor nicht antizipiert werden könne) würden für den Credit-Markt sprechen.

Die Experten würden hinsichtlich Schwellenländer-Hartwährungsanleihen weiterhin positiv gestimmt bleiben, während sie bei europäischen Staatsanleihen vorsichtig seien. Auf der Suche nach real positiven Renditen hätten sich Emerging-Markets-Hartwährungs-Anleihen für Investoren nahezu aufgedrängt. Das größte Risiko für die positive Ertragserwartung dieser Positionierung: Ein wieder stärker auflodernder Konflikt zwischen den USA und China und den damit verbundenen Kollateralschäden für den globalen Handel, unter Umständen noch vor der US-Präsidentschaftswahl.

Während die meisten internationalen Aktienmärkte in den letzten Monaten seitwärts tendiert hätten, präsentiere sich der US-Aktienmarkt, angeführt vom IT-Sektor, weiter sehr fest. Die umfangreichen Fiskalpakete und geldpolitischen Maßnahmen würden weiterhin einen wichtigen Unterstützungsfaktor darstellen. Die Zuspitzung der Kursgewinne auf immer weniger Sektoren und Unternehmen würden die Experten aber kritisch sehen.

Die wichtigste Region der Emerging Markets - Asien - sei, global gesehen, bisher am besten durch die Krise gekommen. Die Kombination aus hartem Lockdown und konsequentem Tracing hätten dazu geführt, dass man wohl dort am ehesten von einer V-förmigen Erholung sprechen könne. Schwellenländer-Aktien hätten sich daher in den vergangenen Wochen recht gut entwickeln können, obwohl einige der globalen Corona-Hotspots (Brasilien, Mexiko) in der Region lägen. Darüber hinaus würden auch die Konfrontation der Türkei mit Griechenland und mögliche daraus resultierende EU-Sanktionen einen Risikofaktor darstellen. In Asien komme es zu einem leichten Rückgang bei der Gewinnentwicklung, während in Lateinamerika und Osteuropa dramatische Gewinneinbrüche zu verzeichnen seien.

In einem freundlichen Kapitalmarktumfeld habe sich die Erholung bei den Rohstoffpreisen fortgesetzt. Neben den sektorspezifischen Unterstützungsfaktoren (Angebots- und Nachfragefaktoren) profitiere der Rohstoffbereich aktuell zusätzlich von der Entwicklung bei den Realzinsen und einem schwächeren USD. Kurzfristig vorsichtiger stimme die zuletzt deutlich angestiegene Investorenpositionierung in dieser Anlageklasse. (03.09.2020/alc/a/a)