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Ist ein Ende des globalen Carry Trades in Sicht?


07.09.20 13:30
Nordea Asset Management

Stockholm (www.anleihencheck.de) - Sébastien Galy, Senior-Makrostratege bei Nordea Asset Management, erklärt im Folgenden, welche Entwicklungen den globalen Carry Trade zum Erlägen bringen könnten und warum es sinnvoll ist, auf flexible Anlagestrategien zu setzen.

Wir erleben aktuell eine Überreaktion an den Aktienmärkten - gestützt durch bessere Wirtschaftsdaten in der Aufwärtsphase einer U-förmigen Konjunkturerholung, so die Experten von Nordea Asset Management. Die Angst, etwas zu verpassen, und die sehr niedrigen Zinssätze würden ebenfalls dazu beitragen. Zugleich gebe es eine hohe Korrelation zwischen den verschiedenen Vermögenswerten und in einigen Fällen sehr niedrige Risikoprämien. Die meisten von uns vermuten, dass uns ein Short Squeeze bevorsteht - also eine Angebotsknappheit bei Wertpapieren, die zuvor in großer Anzahl leerverkauft wurden, so die Experten von Nordea Asset Management. Interessant in diesem Zusammenhang sei die Frage, was diesen Carry Trade über den erwarteten Short Squeeze hinaus zum Erliegen bringen könnte.

Die Antwort auf diese Frage sei komplex - wichtig seien die folgenden Aspekte:

- Die Inflation dürfte 2022/2023 höher sein - vor dem Hintergrund, dass die US-Notenbank Federal Reserve ihre Geldpolitik erst verspätet straffen werde.

- Unter der Annahme, dass die FED die richtigen Schritte einleite, dürften zyklische Werte und einige Value-Aktien von einer solideren Binnennachfrage profitieren. Gleichzeitig könnten die geringeren Fremdfinanzierungsmöglichkeiten und ein gewisses Schrumpfen der Gewinnmargen kleinen Wachstumswerten und nichtzyklischen Unternehmen mit geringen Gewinnen schaden. Das treffe zum Beispiel auf die Verarbeitende Industrie zu (Ford etwa verliere und gewinne gleichzeitig in diesem Szenario).

- Sollte die FED zu wenig straffen, werde sie gezwungen sein, in ihrer Geldpolitik 2023/2024 rasch nachzulegen. Dies dürfte Schockwellen in der Wirtschaft auslösen, den Abbau der Verschuldung erzwingen und zu einer scharfen Korrektur risikoreicher Anlagen führen.

- Wenn die FED über das Ziel hinausschieße, werde dasselbe passieren - allerdings früher. Das sei der Kern der Herausforderungen für die FED. Sollte die Inflation nicht mehr fest verankert sein, stehen wir kurz vor einer potenziellen Katastrophe, so die Experten von Nordea Asset Management. Das bedeute, dass das Zinsrisiko wesentlich höher sein dürfte.

- Übermäßige Bewertungen und ein hoher Verschuldungsgrad könnten diesen Carry Trade gefährden, zumal er sich nur auf einige wenige Aktien konzentriere, was für fortgeschrittene Carry Trades typisch sei.

- Da sich die Gewinne auf einige wenige Aktien konzentrieren würden, könnten spezifische Risiken, wie z.B. von China ergriffene Gegenmaßnahmen, den gesamten Aktienmarkt erschüttern.

- Die Weltwirtschaft könnte sich plötzlich verlangsamen - zum Beispiel, wenn sich der Handelskrieg intensiviere, eine Gesundheitskrise (etwa in den USA) außer Kontrolle gerate oder ein plötzlicher Vertrauensverlust in Branchen aufgrund höherer Unternehmenssteuern eintrete, wie man es in Großbritannien erleben könnte.

Was bedeute das für Investoren? All diese möglichen Ereignisse seien bekannt. In einem instabilen System wie das, in dem wir uns derzeit befinden, ist das Eintreten solcher Ereignisse sehr viel wahrscheinlicher, insbesondere im Bereich der Politik, so die Experten von Nordea Asset Management. Dies spreche auch weiterhin dafür, einige globale Absicherungen im Portfolio zu halten (z.B. Gold, US-Staatsanleihen mit langer Laufzeit, etc.) und vor allem den Anteil flexibler Lösungen im Portfolio zu erhöhen. Sie würden es ermöglichen, die Vermögensallokation schnell anzupassen.

Ein Schiff, das von Hafen zu Hafen fahre, minimiere dabei seine Treibstoffkosten und die Gefahr, in einen Sturm zu geraten. Flexibilität auf der anderen Seite sei die Fähigkeit, sich schnell an neue Umstände anzupassen, neue Winde, Meeresströmungen und dergleichen für sich zu nutzen. Beide Strategien bringe man in den Hafen, wenn auch nicht unbedingt auf die gleiche Art und Weise oder mit der gleichen Geschwindigkeit. Ein flexibler Investmentansatz erlaube es, Risikoprämien schneller zu nutzen, als dies bei einer traditionellen Asset Allokation der Fall sei. Flexibilität bedeute außerdem, dass sich die Vermögensallokation aus einer Vielzahl von Märkten ableite, was ein viel breiteres Verständnis von Spannungslinien oder neuen Trends erfordere. Daher liege der Wert eines flexiblen Ansatzes auch darin, dass er Investoren Signale für deren breitere Vermögensallokation gebe. (07.09.2020/alc/a/a)