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Das Inflations-Narrativ wird durch ein Rezessions-Narrativ ersetzt werden


13.10.21 15:30
Degroof Petercam

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Die Neuseeländische Zentralbank hat am 7. Oktober den Einlagenzinssatz von 0,25% auf 0,50% erhöht, so Peter De Coensel, Member of the Management Board bei Degroof Petercam Asset Management.

Die Notenbanker würden davon ausgehen, dass die Leitzinsen in Neuseeland 2,00% bis Ende 2023 erreichen würden. Für diesen Zeitraum liege der vom Markt erwartete Leitzins bei 1,75%. Die Rendite 10-jähriger neuseeländischer Staatsanleihen habe Ende vergangener Woche bei 2,12% gelegen und damit auf dem höchsten Stand seit Jahresbeginn. In letzter Zeit sei die Nachfrage nach diesen AAA-Staatspapieren solide gewesen, während sich der "Kiwi-Dollar" weitgehend unanfällig gezeigt habe. Eine interessante Konstellation für eine Qualitäts-Diversifikatons-Strategie. Wir erhalten gerade auch einen Vorgeschmack darauf, wie sich langfristige Anleihen verhalten, sobald ein Zinserhöhungszyklus einsetzt, so die Experten von Degroof Petercam Asset Management.

Die Polnische Zentralbank habe viele überrascht, indem sie den Leitzins um 40 Basispunkte auf 0,50% angehoben habe, als die Inflation 5,8% erreicht habe. Polen schließe sich der Ungarischen und Tschechischen Zentralbank an und ziehe die Liquiditätsbremse an. Interessanterweise hätten auch die Peruanische und die Russische Notenbank beschlossen, die finanziellen Bedingungen zu verschärfen.

Das Inflations-Narrativ habe bei vielen Zentralbanken der zweiten und dritten Reihe eindeutig zu einer präventiven Reaktionsfunktion geführt. Die Zentralbanken der Schwellenländer würden versuchen, ihre Glaubwürdigkeit zu wahren; sie müssten sich losgelösten Inflationserwartungen entgegenstellen. Das sei ihre Schwachstelle. Aber was passiere, wenn auch die Zentralbanken der Industrieländer die Zügel anziehen würden, wie es in letzter Zeit der Fall gewesen sei? Es werde deutlich, dass sich die Reihenfolge der Maßnahmen umgekehrt habe.

Es sei die FED gewesen, die Ende 2008 ein groß angelegtes Programm zum Ankauf von Vermögenswerten gestartet habe. Die japanische Notenbank, die Bank of England und die EZB seien diesem Beispiel in den darauffolgenden sieben Jahren gefolgt. Erst eine globale Pandemie habe die Zentralbanken der zweiten und dritten Reihe veranlasst, ähnliche unkonventionelle Maßnahmen zu ergreifen. Neuseeland und Australien hätten explizite Maßnahmen zur Steuerung der Renditekurve eingeführt. Auch viele Zentralbanken der Schwellenländer hätten geldpolitische quantitative Experimente unternommen. Diese Entwicklungen würden ein Last-In-First-Out-Prinzip (LIFO) deutlich machen.

Die FED und die EZB könnten es sich erlauben, länger zu warten, bevor sie ihre quantitativen Programme auslaufen lassen bzw. sich von der Null- oder negativen unteren Zinsgrenze entfernen würden. Wirtschaftsindikatoren würden zeigen, dass das Wachstum im dritten und vierten Quartal unterdurchschnittlich ausfallen könnte. Der Höhepunkt des Wachstums könnte im ersten Halbjahr 2021 erreicht worden sein. Dieses Ergebnis könnte sich in der kommenden Woche auf der Jahrestagung des IWF bestätigen.

Neben Wachstums- und Inflationsprognosen für die Jahre 2022 und 2023 werde höchstwahrscheinlich bekannt gegeben, dass die Inflation im vierten Quartal ihren Höhepunkt erreichen werde, aber gegen Mitte 2022 an Fahrt verliere. Die in Washington ansässige Institution werde sich der Meinung der FED einer "vorübergehenden Inflation" anschließen.

Dennoch würden die US-Inflationserwartungen mit einem schnellen Anstieg in der vergangenen Woche auf sorgenvolle Marktteilnehmer hindeuten. Die 10-jährigen US-Breakeven-Renditen hätten den Widerstand durchbrochen und bei 2,51% geschlossen. Wir befinden uns damit immer noch im taktischen Bereich, so die Experten von Degroof Petercam Asset Management. Ein Test der 2,75%-Marke könnte bevorstehen, wie es während der Inflationsangst 2004/2005 der Fall gewesen sei.

Das Risikoszenario bestehe in einem energischen und plötzlichen Überschreiten des 15-Jahres-Hochs und dem Versuch, die 3,00%-Schwelle zu erreichen. Das sollte die FED verunsichern. Dies sei in der vergangenen Woche bei inflationsgebundenen britischen Staatsanleihen der Fall gewesen. Die 10-jährige Inflationserwartung im Vereinigten Königreich habe die Marke von 4,00% durchbrochen - ein Wert, der Anfang 2008 und zwischen 1994 und 1996 erreicht worden sei. Die Botschaft sei klar: Es handele sich um einen außergewöhnlichen Umstand. Die Bank of England habe sich anschließend aggressiv geäußert und den Märkten signalisiert, dass jede geldpolitische Sitzung in Zukunft eine Zinserhöhung mit sich bringen könnte.

Dennoch: Einer solchen Drohung fehle es an Glaubwürdigkeit. Es scheine, als hätten die Zentralbanken ihr Kommunikationsinstrumentarium erweitert und beschlossen, mit einer aggressiveren Tonart die Inflationserwartungen zu drücken.

Die Zentralbanken der zweiten und dritten Reihe könnten die Leitzinsen stark anheben und die finanziellen Bedingungen an den Rändern des Finanzsystems verschärfen. Ein solches Vorgehen würde den G4-Zentralbanken Zeit verschaffen.

Die Währungsbehörden der G4 würden keinen Lohndruck der zweiten Runde befürchten, während die Inflation die Kaufkraft der Verbraucher schmälere. Länder, die eine automatische Gehaltsindexierung anwenden würden, könnten sehen und akzeptieren, dass die Staatshaushalte länger außerhalb akzeptabler Grenzen bleiben würden. Tatsache sei, dass die politische Führung überhaupt nicht besorgt sei. Sie sei kreativ und erfinde kostspielige kurzfristige Maßnahmen, um sich bei Wählern beliebt zu machen. Wie zum Beispiel in Frankreich mit dem Einfrieren der Energiepreise und einem landesweiten "Winter-Energiegeld" für bedürftige Haushalte.

Studenten würden im ersten Jahr des Wirtschaftsstudiums lernen, dass Preiskontrollen langfristig zu schlechteren Ergebnissen führen würden, da ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage künstlich aufrechterhalten werde. Solche politischen Einstellungen könnten die wirkliche Ähnlichkeit mit der Inflation in den 1970er Jahren sein.

Es sei davon auszugehen, dass die G4-Zentralbanken die Finanzministerien so lange wie möglich unterstützen würden. In dem Moment, in dem die G4-Zentralbanken präventiv handeln würden, wie es kleinere Zentralbanken heute tun würden, werde über Nacht ein Rezessions-Narrativ die Oberhand gewinnen. Schon bald werde das Inflations-Narrativ durch ein Rezessions-Narrativ ersetzt werden. Letzteres werde der politischen Führung nicht gefallen. Erwarten Sie, dass die Inflationsdebatte noch bis zum ersten Halbjahr 2022 andauern wird, so die Experten von Degroof Petercam Asset Management. (13.10.2021/alc/a/a)