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Die Inflation und das Märchen vom Basiseffekt


01.10.21 09:23
Quant.Capital Management

Düsseldorf (www.anleihencheck.de) - Die stark steigenden Inflationsraten werden hierzulande gerne mit dem Basiseffekt erklärt, so die Experten von Quant.Capital Management.

Die Erzählung dahinter laute dann: Keine Angst vor Inflation, es handle sich nur um kurzfristige Einmaleffekte, bald sei wieder alles gut. "Doch das stimmt nicht", sage Dr. Dieter Falke, Geschäftsführer der Quant.Capital Management GmbH. "Die Indikatoren deuten auf eine Beschleunigung wie auch eine Verstetigung der Inflation hin."

Es seien vor allem bestimmte Gründe, die als Einmaleffekt taugen würden: Die Mehrwertsteuer sei während der Pandemie zeitweise gesenkt und dann wieder erhöht worden. Dazu sei gekommen, dass im Zuge der wirtschaftlichen Schwäche die Energiepreise gesunken seien - und jetzt wieder steigen würden. "Auch das Wetter, das zu Preissteigerungen bei Lebensmittel führte, oder die Lieferengpässe bei einzelnen Waren oder Vorprodukten werden gerne in die Kategorie eingeordnet", sage Falke. Doch während das bei der Mehrwertsteuer stimme, seien die anderen Faktoren keinesfalls nur Eintagsfliegen.

"Wir sehen heute immer noch steigende Ölpreise, in Großbritannien hat sich der Gaspreis vervierfacht und in China wird Energie rationiert", sage Falke. "Die Energiepreise steigen gerade auf breiter Front - und das nicht zu knapp." Die Zahlen würden dies auch zeigen: Der Produzentenpreisindex in Deutschland sei im August 2021 um zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen, in Italien sei der Anstieg mit 13,8 Prozent noch stärker ausgefallen, in Frankreich seien es zehn Prozent gewesen. "Die Importpreise kletterten über das Jahr betrachtet sogar um 16,5 Prozent", so Falke. Daraus sinkende Inflationsraten abzuleiten, falle schwer.

Dazu komme, dass in China Energie so knapp sei, dass nicht nur das stromfressende Mining von Kryptowährungen verboten worden sei. In der Hälfte der Provinzen seien mittlerweile Rationierungsmaßnahmen ergriffen worden. Viele Unternehmen müssten die Produktion drosseln, was die Lieferengpässe weltweit nur noch verstärke. "Das treibt die Inflation erneut an, weil knappe Güter tendenziell teurer werden", sage Falke. Dass die Menschen zudem in die wieder geöffneten Geschäfte strömen und Anschaffungen nachholen möchten, sorge ebenfalls für höhere Nachfrage, die auf ein knapperes Angebot treffe.

Alle diese Faktoren sprächen für einen deutlicheren Anstieg der Inflationsraten. Das würden inzwischen auch die Gewerkschaften wissen. Nachdem sie lange mit bescheidenen Lohnzuwächsen zufrieden gewesen seien, würden jetzt Stimmen laut, den Kaufkraftverlust durch die Inflation auszugleichen und am besten den Wertverlust von Guthaben durch Negativzinsen gleich mit. "Höhere Lohnforderungen bestimmen bereits die laufenden Tarifrunden", sage Falke. "Auf diese Weise könnte dann eine Lohn-Preis-Spirale in Gang gesetzt werden, die wesentlich länger laufen wird als nur bis zum Jahreswechsel."

Insgesamt lasse all dies die Wahrscheinlichkeit deutlich sinken, dass die erhöhte Inflation nur vorübergehend sei. "Wer heute noch von Einmaleffekten spricht oder deutlich zurückgehende Inflationsraten zum kommenden Jahreswechsel erwartet, ist ein Träumer", sage Falke. "Wir werden uns damit anfreunden müssen, dass die Geldentwertung fürs Erste zurück ist." (01.10.2021/alc/a/a)