Inflation und Langfristzinsen: Der Blick voraus


05.05.22 11:16
ETHENEA

Munsbach (www.anleihencheck.de) - Im März dieses Jahres stieg die Jahresteuerung in den USA auf 8,5% und die der Eurozone auf 7,5% im April, so Dr. Volker Schmidt, Senior Portfolio Manager von ETHENEA Independent Investors S.A.

Klar sei, dass die Inflation vorerst sehr hoch bleibe; fraglich sei aber, wie weit sie in den kommenden Monaten noch steigen werde. Angesichts dieser Entwicklungen seien die EZB und die FED alarmiert. Was würden die Zentralbanken machen, um die Inflation zu bekämpfen, und wie weit könnten entsprechend die Langfristzinsen steigen?

Die FED habe ihr Anleihenkaufprogramm bereits beendet und im März 2022 erstmalig die Leitzinsen angehoben, um die Inflationsdynamik zu brechen. Sicher sei, dass weitere Zinserhöhungen folgen würden, die nächste stehe im Mai 2022 an. Zusätzlich dazu werde die FED ihre Bilanz verkürzen, indem sie Staatsanleihen und hypothekengedeckte Anleihen in ihrem Bestand verkaufe bzw. auf die Wiederanlage fälliger Gelder verzichte.

Allein durch die Taten und Ankündigungen der Zentralbank habe sich aber die Inflationsdynamik bis jetzt kaum verlangsamt. Habe die Jahresteuerung im Januar 2022 noch bei 7,5% gelegen, so sei sie im Februar auf 7,9% gestiegen und habe im März mit 8,5% einen Wert erreicht, der zuletzt Anfang der 1980er Jahre realisiert worden sei.

Ähnliches gelte für die Eurozone. Die Inflation sei von 5,1% im Januar 2022 auf 7,5% im April 2022 gestiegen. Die EZB habe das Tempo ihrer Nettoanleihenkäufe reduziert, ohne sie vollständig zu beenden, aber die von ihr festgelegten Zinssätze noch unverändert gelassen.

Die Renditen langlaufender Anleihen seien deutlich gestiegen, ebenso wie die Konditionen für neue Kredite. Für Immobilienkredite mit erstrangiger Besicherung und 10-jähriger Zinsbindung zahle man in Deutschland bereits deutlich über 2%. Die Konditionen für die in den USA gängigen 30-jährigen Hypotheken lägen bei 5,25% - die höchste Rate seit 2010.

Vor diesem Hintergrund sei es vergleichbar einfach, das Verhalten der Zentralbanken zu prognostizieren. Sowohl die FED als auch die EZB würden ihre Zinssätze anheben. Die FED werde die FED Funds Rate bis Jahresende deutlich anheben. Eine neue Zielzone von 2,5% bis 2,75% oder sogar leicht darüber sei wahrscheinlich. Auch die EZB sollte die negativen Zinssätze für ihre Einlagenfazilität bis zum Jahresende aufheben. Sogar ein Anheben des Wertpapierpensionssatzes noch in diesem Jahr sei möglich.

Komplizierter sei der Blick auf die zukünftige Inflationsentwicklung. Während in den USA einzelne Komponenten der Inflationsberechnung bereits rückläufig oder nur noch langsam ansteigend seien, nähmen die Kosten für Mieten und Eigenheimbau gerade erst Fahrt auf. Zweitrundeneffekte aufgrund höherer Löhne, Energiepreise und Transportkosten würden weiterhin für steigende Preise von Gütern und Dienstleistungen sorgen. Das Tempo sei aber kaum vorhersehbar. In Europa hätten die explodierenden Energiepreise eine herausragende Bedeutung für die Inflationsentwicklung. Eine Prognose der weiteren Entwicklung sei vor dem Hintergrund von möglichen Boykotten und einer von der Windentwicklung und vom Wasserstand abhängigen Stromerzeugung kaum möglich. Dem stünden staatliche Eingriffe noch nicht bezifferbaren Ausmaßes gegenüber, die zwar die Inflation reduzieren, aber zu höheren Staatsschulden führen würden.

Aus Sicht der Experten von ETHENEA sei es aber nicht unwahrscheinlich, dass die Jahresteuerung sowohl in den USA als auch in Europa im zweiten Quartal noch einmal leicht ansteigen werde, aber nicht die 10%-Marke überschreite. Zum Jahreswechsel würden die Experten von ETHENEA damit rechnen, dass die Inflation wieder leicht sinken werde. Inflationsraten von über 5%, vielleicht sogar 6%, dürften für den Dezember 2022 aber immer noch zu erwarten sein.

Für die Entwicklung der Langfristzinsen sei aber die längerfristige Inflationsentwicklung in 2023 und 2024 und die daraus abgeleitete Entwicklung der Zentralbankzinsen noch entscheidender. Hier lasse sich hervorragend spekulieren, wenig sei sicher. Auch die Reduktion der Zentralbankbilanz in den USA und die ausbleibenden Käufe durch die EZB könnten zu Verwerfungen führen. Niemand wisse, wer die Zentralbanken als Käufer ersetze. Ein zumindest temporärer Anstieg der 10-jährigen Bundrenditen auf 1,25% und der 10-jährigen Treasury-Renditen auf 3,25% im zweiten Quartal sei wahrscheinlich. Danach sollte aber erstmal ein Innehalten des Marktes eintreten. Die Renditeanstiege seien bereits jetzt gewaltig und die Unsicherheit über die Entwicklung in 2023 sei enorm.

Einen weiteren Wirtschaftsaufschwung würden die Experten von ETHENEA jedenfalls sowohl in der Eurozone als auch in den USA bei exorbitanten Inflationsraten ausschließen. Entweder schwächele erst die Wirtschaft und sorge nachfolgend für niedrigere Inflation und geringeren Handlungsbedarf der Zentralbanken oder eine beständig hohe Inflation drücke auf die Stimmung der Verbraucher und sorge so für einen deutlichen Wirtschaftsabschwung. Das Wachstum im ersten Quartal 2022 habe sich jedenfalls schon deutlich abgeschwächt; das Bruttosozialprodukt in den USA sei sogar gegenüber dem Vorquartal leicht gesunken.

Auch wenn die Inflationsraten in Europa und den USA im aktuellen Quartal noch etwas steigen sollten, würden sie gegen Jahresende und insbesondere Anfang 2023 wieder fallen. Aber ob sie mit den erwarteten restriktiven Maßnahmen der Zentralbanken wieder auf den gewünschten Pfad um die 2% fallen würden, scheine jedenfalls unklar. Erwachse die Erwartung, dass sich die Inflationsraten in 2023 und 2024 eher zwischen 3% und 4% einpendeln würden, dann wären die Zentralbanken gezwungen noch einmal ihre Politik anzupassen. Ein weiterer Anstieg der Zentralbankzinsen und der Langfristzinsen wäre die Folge. (Ausgabe 5 vom Mai 2022) (05.05.2022/alc/a/a)