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Inflation und Inflationsgespenster - belastbare Zahlen erst in 2022


08.07.21 10:00
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - In den Sommer- und Herbstmonaten erwartet uns in Europa eine lange nicht mehr gesehene Teuerungsdynamik - verzögert aber ähnlich der jüngsten Dynamik in den USA mit monatlichen Teuerungsraten um 4-5%, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Nun würden sich die heftigen Makroswings von 2020 in der 2021er Preismessung zeigen. Auch in der Eurozone sollten sowohl die Kern- als auch die Gesamtinflationsrate in den kommenden Monaten deutlich über 2% ansteigen. Schon im Mai habe die Teuerung die EZB Zielmarke von 2,0% erreicht. Die Inflation sei dabei bis zuletzt vor allem durch den Swing bei den Energiepreisen (im Juni 12,5% p.a.) bestimmt worden, der sich aus dem Preisverfall und anschließenden Rebound des Ölpreises seit März 2020 ergebe. In ihren Analysen zur Inflationsentwicklung in der Eurozone würden die Analysten aber darauf hinweisen, dass einige Corona/Lockdown-Sondereffekte die Teuerung im Sommer stark nach oben schnellen lassen würden, und die Inflationsrate bis Jahresende erhöht bleibe (verschobene Saisonmuster, Steuerveränderungen, einmalige Preisanhebungen bei Wiederaufnahme von Geschäftstätigkeiten).

Zudem ist die Kernrate der Inflation in 2020 erstmal in den letzten 20 Jahren so drastisch zurückgegangen (auf Niveaus um 0,2% in Q3/Q4 2020 im Vergleich zu vorigen Tiefstwerten um 0,6 bis 0,7%), dass wir hier nun in 2021 Basiseffekte sehen, wie wir sie sonst nur von Energiepreisswings kennen, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG. Insofern gebe es derzeit sehr viele Einmaleffekte, gerade auch in Europa. Zudem gebe es weitere Unsicherheitseffekte bei der Preismessung. Lange seien einige Preiskomponenten nicht real gemessen, sondern von den Statistikern geschätzt worden.

Umstellungen bei Warenkörben der Preismessung würden für weitere Unschärfen bei der Inflationsmessung sorgen. Damit sei es schlüssig, dass die EZB hier erstmal "durchschauen" wolle, auch wenn im H2 2021 Inflationsraten von 2 bis 3% anstehen könnten (in einigen Euroländern wie Deutschland vielleicht sogar deutlich höher, in Deutschland werde die Inflation nach Sondereffekten 2021 im Schnitt bei 2,4% gesehen). Kurzfristig sei auch nicht auszuschließen, dass der aktuell beobachtbare Kostendruck bei Vorleistungsgütern in dem vom Konsum getragenen Aufschwung in den kommenden Monaten bis zu einem gewissen Grad weitergegeben werde. Im Sommer bestehe das kurzfristige Risiko einer "Öffnungs-Inflation", die aber auch eher temporärer Natur sein sollte.

Wirklich belastbare Inflationsdaten würden die Analysten dann erst in H1 2022 erwarten und bis dahin würden sie dann auch einige Faktoren sehen, die Preissteigerungen wie in diesem Jahr eher unwahrscheinlich erscheinen lassen würden. Etwa sollten die im Jahresvergleich deutlich angestiegenen Energiepreise und Rohstoffpreise als Inflationstreiber in den kommenden Monaten wieder etwas in den Hintergrund treten und die 2022er Inflation sollte klar unter der von 2021 zum Liegen kommen.

Zudem würden die Analysten denken, dass sich im H2 2021 und 2022 Lieferengpässe und Produzentenpreisanstiege normalisieren sollten. Immerhin seien viele Verspannungen in Liefer- und Logistikketten auch noch auf Nachwehen von Covid-19/Quarantänemaßnahmen zurückzuführen, die die Analysten so im H2 2021 global nicht mehr erwarten würden. Zudem sollten Lieferengpässe dann auch zunehmend die Wachstums- und Erholungsdynamik begrenzen mit entsprechenden Rückkopplungseffekten. Ferner sei eine hohe Produzentenpreisinflation am Anfang eines Erholungszyklus kein völlig neues Phänomen und gerade in der Eurozone sei der Zusammenhang zwischen Produzenten- und Konsumentenpreisen nicht immer eins-zu-eins gegeben.

Mittelfristig sollte die Inflationsrate im Euroraum wieder nahe bei und unter der EZB Zielmarke von 2,0% p.a. liegen, aber dennoch etwas höher als in der Niedriginflationsphase nach der Finanz- und vor der Coronakrise. Dennoch würden die Analysten ein Übertreten in ein Hochinflationsregime aufgrund einer entsprechende Lohn-/ Preisspirale vor dem Hintergrund des starken internationalen Wettbewerbsdrucks, dem die in Summe offene europäische Wirtschaft ausgesetzt sei, als wenig wahrscheinlich erachten. Des Weiteren werde auch der europäische Arbeitsmarkt einer der Bereiche sein, der sich wohl am zögerlichsten von der Pandemie erhole.

Der Inflationsausblick nach 2022 sei sicher mit einer gewissen Unsicherheit behaftet und die Analysten würden Lohnabschlüsse, Produzentenpreise und die "Öffnungsinflation" beobachten, dennoch würden sie mittelfristige Inflationsrisiken im Sinne von Inflationsraten (deutlich) über Inflationszielen wenn dann eher in den USA als im Euroraum sehen. Hier liege die aktuelle Konsens-Inflationsprognose für 2021 immerhin auch bei 3,3% (im März noch bei 2,3%). Dennoch sei zu betonen, dass große Notenbanken in den letzten Jahren ihre teils auch unkonventionelle Geldpolitik eher an zu niedrigen Preissteigerungen ausgerichtet hätten - bei der Inflationsbekämpfung hätten Notenbanken viel mehr Erfahrung und (konventionelle) Mittel.

Diffuse Inflationsängste und generöse Finanzierungsbedingungen sollten weiterhin Immobilienmärkte - zunehmend auch in der Breite - anschieben, wie die Analysten das eindrucksvoll in Österreich sehen würden. Die Analysten würden denken, dass es beim Thema Vermögenspreisinflation mehr begründete fundamentale Fragezeichen gebe als bei den viel zitierten Konsumenten- und/oder Produzentenpreisinflationsrisiken. (08.07.2021/alc/a/a)