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Inflation - temporäres Phänomen oder strukturelles Problem?


01.07.21 09:45
Euroswitch

Frankfurt am Main (www.anleihencheck.de) - Die Inflation steigt: Gemessene Werte von 3% in Europa und 5% in den USA stürzen die Notenbanken potenziell in ein Dilemma, so die Experten der Vermögensmanagement Euroswitch.

Die über den eigenen Erwartungen der Notenbanken liegenden Inflationsanstiege sollten nach deren Deutung nur vorläufig sein, pandemiebedingt treffe die jetzt wieder erhöhte Nachfrage auf ein stark verknapptes Angebot. Über die kommenden Monate würden die Notenbanken eine Normalisierung erwarten, weshalb ein die Inflation bremsender Zinsanstieg vorerst nicht kommen sollte. Negative strukturelle Entwicklungen könnten jedoch zu einer weit hartnäckigeren Inflation führen, als von den Verantwortlichen derzeit zugegeben werde.

"Die stärksten Einbrüche der weltwirtschaftlichen Aktivität der letzten 100 Jahre und die folgende - in Ausmaß und Geschwindigkeit nie dagewesene - Erholung sprechen grundsätzlich für eine einmalige, temporäre Erscheinung der Inflation", so Thomas Böckelmann, leitender Portfoliomanager der Vermögensmanagement Euroswitch. Preiserhöhungen in industriellen Sektoren seien auf Lieferengpässe zurückzuführen, steigende Preise bei Dienstleistungen würden der Kompensation vorheriger Ausfälle dienen und aktuell auf eine zahlungswillige Kundschaft treffen. "Strukturell wirken die globale demographische Entwicklung und die nicht aufzuhaltende Digitalisierung grundsätzlich deflationär. Aber dieses positive Szenario lässt sich nur halten, wenn Entwicklungen korrigiert werden, die dauerhaft inflationär wirken", sei Böckelmann überzeugt. Laut dem Investmentexperten gebe es vier Entwicklungen, die sich inflationserhöhend auswirken würden:

1. Handelshemmnisse und Tendenz zur De-Globalisierung

Die sich ohnehin eskalierenden geopolitischen Spannungen hätten sich in der Pandemie teils weiter verschärft. Erhebung von Zöllen, blockierte Handelswege und Cyberattacken auf die Infrastruktur würden die Kosten nachhaltig in die Höhe treiben. Daneben würden sich Effekte aus politischen Entscheidungen addieren, auf die komparativen Kostenvorteile einer globalen Arbeitsteilung verzichten zu wollen. Eine tatsächliche Verlagerung von Arbeitsplätzen aus Schwellenländern zurück in den industriellen Westen würde auch Alltagsprodukte um ein Vielfaches verteuern.

2. Umsetzungshemmnisse Digitalisierung

Die Digitalisierung erhöhe die Produktivität und damit die Wertschöpfung. Im Juni hätten Demokraten und Republikaner gemeinsam ein 250 Mrd. USD-Hilfspaket freigegeben, um im Technologiewettbewerb mit China nicht zurückzufallen. Dabei würden die USA mit Alphabet, Microsoft, Nvidia und vielen anderen bereits über zahlreiche Weltmarktführer verfügen. Europa hingegen verliere sich unverändert im Klein-Klein, während zur Wahrung der Wettbewerbsfähigkeit schneller Pragmatismus gefragt sei.

3. Greening als Selbstzweck

Es sei ein realistisches Szenario, dass sowohl der Ausstieg aus alten Technologien als auch der Einstieg in neue Technologien zeitgleich inflationär wirken würden. So würden bereits Kapazitäten in den Übergangstechnologien abgebaut, während es noch nicht genügend Kapazitäten in Ersatztechnologien gebe. Bereits heute sei der deutsche Strompreis der höchste der Welt, demnächst dürften auch andere Energieträger und Rohstoffe weiter im Preis steigen.

Zwar gebe es in Politik und Notenbanken erste warnende Stimmen, dass man sich auf eine gefährliche Gratwanderung begebe. Allerdings fehle der politische Wille zur sachlichen Auseinandersetzung mit diesem Szenario, um eine realitätsbezogene und technologieoffene Langfristplanung vorzunehmen.

4. Überbürokratisierung

Die EU-Kommission selbst habe in einem jüngsten Bericht die wachsende Bürokratisierung als "Kostentreiber" und "Wachstumshemmnis" erkannt und rege einen dringenden Abbau an. Allerdings sei das aktuelle Momentum noch auf der anderen Seite. Die zunehmende staatliche Verplanung wirtschaftlicher Aktivität führe zur Einmischung in zahllosen Branchen. Die Pandemie scheine diese Entwicklung befördert zu haben, eine Umkehr schwierig. Jüngstes Beispiel sei das Lieferkettengesetz, welches viele Unternehmen vor eine unlösbare Aufgabe stelle.

Der letzte Monat habe mit ersten Zinsverwerfungen Eindrücke hinterlassen, wie volatil es an den Kapitalmärkten werden könnte, falls sich ein Inflations- und in der Folge Zinssteigerungsszenario als unvermeidlich entwickele. "Bereits im Jahr 2018 haben wir an den Kapitalmärkten ein vergleichbares Szenario erlebt, welches sich dann aber in 2019 schnell in Luft auflöste", sage Böckelmann. In der kommenden Quartalsberichterstattung der Unternehmen dürfte die gestiegene Inflation noch eine Nebenrolle spielen, im Vordergrund sollte die Freude über die Reopening-Erfolge nach dem erneuten Abklingen der Pandemie stehen. Zumindest scheinen selbst die sportlichsten Erwartungen der Analysten nicht unrealistisch, so die Experten der Vermögensmanagement Euroswitch.

"Ob sich die Inflation tatsächlich zum Party-Crasher entwickeln kann, wird sich erst in einigen Monaten zeigen. Auch die US Notenbank FED hat in ihrer letzten Pressekonferenz darauf verwiesen, dass die kommenden gemessenen Werte für ihr Handeln weit wichtiger sind als jede aktuelle Analyse und Prognose", so Böckelmann abschließend. (01.07.2021/alc/a/a)