Erweiterte Funktionen

Inflation dauerhaft höher


09.06.21 14:30
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Manche Dinge sind absehbar und zugleich schwer vorstellbar, so Dr. Gertrud R. Traud, Chefvolkswirtin/Head of Research & Advisory bei der Helaba.

Zum Jahreswechsel hätten die Inflationsraten teilweise noch im negativen Bereich notiert und die Notenbanken hätten sich um Deflationsrisiken gesorgt. Gerade in Deutschland seien die Inflationsraten im zweiten Halbjahr 2020 neben den weltweiten Trends zusätzlich durch die Mehrwertsteuersenkung nach unten gezogen worden. Bereits im Januar habe sich aber die Trendwende angedeutet: Zurück zu den alten Mehrwertsteuersätzen, steigende Rohstoffpreise, CO2-Bepreisung und ein höherer Mindestlohn seien dafür verantwortlich gewesen.

Wenige Monate später zeige sich, dass ausgehend von einer boomenden Weltkonjunktur auch hierzulande die Nachfrage vielerorts das Angebot übersteige. Nicht nur Halbleiter würden fehlen, sondern auch Kunststoffe, Baustoffe und insbesondere Holz. Hier werde ein ökonomisches Prinzip offensichtlich: Je knapper ein Gut, desto höher steige der Preis. Diejenigen, die noch vor einiger Zeit darauf hingewiesen hätten, dass Deflation ein größeres Risiko sei als Inflation, würden nun ins Gegenteil umschwenken. Der Gefahr steigender Preise müsse man mit staatlichen Maßnahmen entgegenwirken. So werde schon vereinzelt gefordert, dass der hohen ausländischen Nachfrage nach deutschem Holz durch Exportbeschränkungen Einhalt geboten werden müsse. Vermeintliche Solidarität mit den USA zu Zeiten der Waldbrände werde nun zu Protektionismus.

Seit einigen Jahren auf dem Vormarsch, sei dieser durch Donald Trumps "America first" und dem daraus resultierenden Handelskrieg mit China salonfähig geworden. Damals habe sich der Protektionismus jedoch vornehmlich auf der Importseite abgespielt. Durch höhere Zölle sollten ausländische Produkte an Wettbewerbsfähigkeit verlieren und die inländischen Anbieter an Attraktivität gewinnen. Joe Biden habe zwar keine weiteren Zölle eingeführt, die Erhöhungen seines Vorgängers jedoch nicht rückgängig gemacht. Seine Rhetorik sei weniger martialisch, aber inhaltlich grenze er sich mit "Buy American" wenig von Donald Trump ab.

Markteingriffe würden mittlerweile zur Tagesordnung gehören. Hätten doch die Staaten in der Corona-Krise die Märkte teilweise vollkommen außer Kraft gesetzt, sei es durch Schließungen ganzer Branchen oder durch die Geldpolitik. Auf dem Vormarsch sei der Glaube, der Staat könne alles besser und mithilfe von expansiver Geld- und Fiskalpolitik alles Wünschenswerte erreichen. Im weiteren Sinne sei dies das, was unter "Modern Monetary Theory" verstanden werde - angeblich ohne negative Konsequenzen.

Dass Markteingriffe jedoch ihren Preis hätten, zeige sich bereits. Allein die Mehrwertsteuersenkung und anschließende -erhöhung sowie die CO2-Bepreisung würden dies verdeutlichen. Auch zunehmender Protektionismus wirke inflationär, verknappe oder verteuere er doch die Importe. Die zahlreichen geplanten Vorhaben auf dem Weg zur Klimaneutralität würden ebenso preistreibend wirken wie die großen Bauvorhaben, die durch den Next Generation-Fonds der EU finanziert werden sollten. In Deutschland boome der Bausektor schon seit einigen Jahren. Bei historisch hoher Kapazitätsauslastung und knappen Ressourcen treibe der Staat mit seiner Nachfrage die Preise dort weiter an. In anderen EU-Ländern wie Italien sei dies noch nicht der Fall. Dies werde sich aber ändern, wenn die Gelder abgefragt würden.

Die Inflation werde also nicht nur kurzfristig auf ein höheres Niveau springen. Neben den konjunkturellen Rahmenbedingungen würden auch zahlreiche strukturelle Faktoren zu einem höheren Trendniveau führen. Neben den genannten gehöre dazu auch noch die Demographie. Um dem entgegen zu wirken, bedürfe es einer Erhöhung des Produktionspotenzials, also mehr Markt und nicht fortgesetzter Beschränkungen. (09.06.2021/alc/a/a)