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Inflation: Unangenehme Entscheidungen


05.11.21 12:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Unternehmen haben offensichtlich zunehmend Preissetzungsmacht, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Firmen würden jedoch die Preiserhöhungen häufig hinauszögern. Das aber bedeute, dass weiterhin relativ viel Druck auf dem Inflationskessel sei.

Wenn die Zulieferer die Preise auf die Ware mehrmals im Jahr erhöhen würden, befinde man sich als UnternehmerIn in einer unangenehmen Situation. Zum einen würden die Einkaufsgespräche mit den Zulieferern anstrengender. Zum anderen müsse man ihrerseits abwägen, ob man das Wagnis eingehe und die Preisanstiege an die Kunden weitergebe. Denn man könnte Marktanteile an die Wettbewerber verlieren, falls diese etwas länger warten würden, bis sie die höheren Kosten, mit denen sie ebenfalls konfrontiert seien, weitergeben würden.

Wie groß diese Gefahr sei, hänge davon ab, auf welchem Markt man sich bewege. Außerdem stelle sich die Frage, wie groß der derzeitige Gewinnpuffer sei. Sicher könne man auf eine Preiserhöhung verzichten, wenn man den damit einhergehenden Rückgang der Gewinnmarge verkraften könne, aber wenn die Preisanstiege den gesamten Gewinn verzehren würden, müsse die Notbremse gezogen werden. Auch dann sei die Entscheidung nicht leicht. Wieviel von der Kostensteigerung sollte man weitergeben? Werde das bisher gute Verhältnis zu den KundI nnen auf's Spiel gesetzt, wenn von ihnen mehr Geld verlangt werde? Vielleicht sei eine kräftige Erhöhung der Preise aber ein Gebot der Vorsicht, um sich gegen weitere Kostensteigerungen abzusichern, sodass man nicht alle zwei Monate nachjustieren müsse.

Man müsse als Unternehmen mit Bedacht agieren, denn der Auftragsboom, den die Industrie derzeit erlebe, werde nicht ewig anhalten (erste Anzeichen würden sich in Deutschland bemerkbar machen) und langfristige Kundenbeziehungen sollte man nicht leichtfertig gefährden. Gleichzeitig müsse eine Firma im Wettbewerb bestehen und das funktioniere nur mit robusten Gewinnen.

Kurz: Ob, wann und in welchem Ausmaß Unternehmen ihre Preise anpassen würden, sei keine triviale Entscheidung. Daher würden sich die meisten Firmen mit dieser Entscheidung auch schwer tun und versuchen die Preiserhöhungen ihren Kunden schonend beizubringen und gleichzeitig ihre Reaktion zu testen. Ankündigungen ("die hohen Rohstoffpreise zwingen uns, zum 01.01.2022 die Preise für das Produkt XY um 10% anzuheben…") und schrittweise Anhebungen seien derzeit verstärkt zu beobachten. Laut einer Umfrage des ifo-Instituts würden 61% aller Unternehmen aus dem Einzelhandel (inklusive Autohäuser) beabsichtigen in den nächsten drei Monaten die Preise anzuheben. Dieser Wert, der in den vergangenen 30 Jahren noch nie so hoch gewesen sei, sei seit April (damals habe der Wert bei 31,4% gelegen) Monat für Monat gestiegen. Dies habe natürlich mit den in diesem Zeitraum gestiegenen Rohstoffpreisen und Frachtraten zu tun, aber vermutlich auch mit dem Ansatz, die Preiserhöhungen an die Kunden lieber schrittweise weiterzugeben, als sie durch massive Anhebungen zu schocken. Die Angaben würden sich mit der anekdotischen Evidenz von Medienreports decken, die von für 2022 geplanten Preiserhöhungen beispielsweise bei Postdienstleistern, Brauereien, Spieleherstellern oder im öffentlichen Nahverkehr berichten würden.

Die Frage sei, ob dies in den Inflationsprognosen von Analysten und der Europäischen Zentralbank (EZB) ausreichend berücksichtigt werde. Es sei durchaus richtig, dass die Energiekomponente derzeit für 1,6 Prozentpunkte der Preissteigerung in der Eurozone von 4,1% stehe und dieser Anstieg stark durch Basiseffekte geprägt sei, die sich im Laufe des kommenden Jahres abbauen sollten. Außerdem seien der fallende Eisenerzpreis und die stark sinkenden Transportkosten von Massengutfrachtern Zeichen einer gewissen Entspannung.

Daher würden auch die Analysten der Hamburg Commercial Bank davon ausgehen, dass die Inflation 2022 sinken werde. Der Rückgang werde aber vor dem Hintergrund der geplanten Preisanhebungen bei Nicht-Energie-Produkten vermutlich nicht besonders stark ausfallen. Per Jahresmitte dürfte der Preisanstieg im Jahresvergleich noch bei 3,3% liegen, zum Jahresende noch bei 2,3% und somit über dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank von 2%.

Die Risiken für diese Prognose seien derzeit eher auf- als abwärts gerichtet. Ende 2022 würden die Basiseffekte für Energie ausgelaufen sein und die Teuerungsrate dürfte dann von dem dann immer noch relativ hohem Niveau aus wieder zu steigen beginnen, was zunehmend mit strukturellen Gründen zu tun haben sollte. Dazu zähle beispielsweise das Bemühen der Unternehmen, ihre globalen Wertschöpfungsketten durch den verstärkten Aufbau von Lagerbeständen und der Diversifizierung ihrer Zulieferer resilienter aufzustellen.

Gleichzeitig dürfte die globale demografische Entwicklung die Verknappung von Arbeitskräften, die bereits jetzt zu beobachten sei, verstärken. Die Europäische Zentralbank dürfte daher 2023 erste Leitzinsanhebungen durchführen müssen, weil sich ansonsten die Inflationserwartungen verselbstständigen würden. Es bestehe dann zwar das Risiko, die konjunkturelle Erholung zu gefährden, aber auf der anderen Seite stehe die Gefahr des Verlustes von Glaubwürdigkeit bei der Verfolgung ihres Mandats der Preisstabilität. Ganz offensichtlich stünden nicht nur Unternehmen angesichts der steigenden Teuerungsrate vor unangenehmen Entscheidungen. (Ausgabe vom 04.11.2021) (05.11.2021/alc/a/a)