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Inflation: Sorge ist angebracht, Panik nicht


10.06.21 15:45
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Es ist die Frage, die die Finanzmärkte beschäftigt: Sind wir auf dem Weg in die Stagflation, fragen die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Der Materialmangel, von dem viele Unternehmen berichten würden, scheine diesen Weg zu weisen. Unseres Erachtens haben wir es hier aber vor allem mit sektoralen und temporären Problemen zu tun, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Die Inflationsentwicklung werde stärker noch als sonst von zyklischen und strukturellen Faktoren beeinflusst, die sich nicht leicht auseinanderhalten lassen würden. Die Coronakrise spiele hierbei kurz- und mittelfristig ebenso eine Rolle wie die Folgen einer sich im Wandel befindenden Klimapolitik, die mit einem massiven Strukturwandel einhergehen werde.

Die Inflationsentwicklung sei derzeit besonders komplex, unter anderem weil es sich nicht um eine typische Rezession handele. Während in einer Rezession üblicherweise die Preise auf breiter Front unter Druck geraten würden, habe der Pandemieschock dafür gesorgt, dass die Konsummuster sich komplett verschoben hätten. Elektronik im Zusammenhang mit der erhöhten Homeoffice-Tätigkeit oder auch Fahrräder hätten auf einmal besonders hoch im Kurs gestanden, für schöne Abendkleider und modische Schuhe habe sich kaum noch jemand interessiert.

Mit der Öffnung vieler Volkswirtschaften könne es durch Nachholeffekte in einigen Bereichen zu Preisspitzen kommen, nicht nur bei der Abendgarderobe, sondern auch bei Flugreisen und Restaurantbesuchen. Besonders ausgeprägte Schwankungen seien bei Treibstoffen zu sehen, da der Ölmarkt nach einer tiefen Talfahrt jetzt wieder Lebenszeichen von sich gebe, die zu einem massiven Vorjahresanstieg der Energiepreise führen würden. Auch dieser Effekt werde auslaufen. Die These, die in diesen Tagen von Zentralbankern und den meisten Ökonomen zu hören ist, uns eingeschlossen, dass der Inflationsanstieg ein temporäres Phänomen ist, speist sich aus diesen Beobachtungen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Die Komplexität sei aber noch vielschichtiger. Eine besonders große Sorge der Unternehmen und Investoren seien die Angebotsengpässe, die allerorten festzustellen seien. Laut ifo-Institut würden sich 45% der in Deutschland ansässigen Firmen aus dem Verarbeitenden Gewerbe über Materialmangel beklagen. Vor der Coronakrise habe der Rekordwert in der dreißigjährigen Historie dieser Befragung bei 20,2% (2018) gelegen. Auch hier spiele die Pandemie eine entscheidende Rolle, weil sie die globalen Wertschöpfungsketten durcheinandergewirbelt habe und es offensichtlich relativ lange dauere, bis sich das System wieder zurechtgeruckelt habe.

Dass es sich irgendwann zurechtruckeln werde, daran bestehe nach Erachten der Analysten kaum Zweifel, denn hier dürfe man den Marktkräften vertrauen. Entsprechende Preissignale wie etwa auf neue Höhen gestiegenen Frachtraten im Schiffsverkehr, die gestiegenen Rohstoffpreise und die seit einigen Monaten steigenden Preise für Halbleiter sollten für einen Kapazitätsausbau sorgen, während sich gleichzeitig die Nachfrage normalisieren dürfte. Strittig sei allerdings, ob dafür nur wenige Monate notwendig seien, oder ob sich das derzeitige Ungleichgewicht gar bis in das Jahr 2023 hinziehen könne.

Die Analysten würden davon ausgehen, dass die Engpässe bis zum ersten Quartal 2022 weitestgehend beseitigt sein sollten. Denn zum einen würden die Engpässe vermutlich etwas aufgebauscht. Wenn man sich beispielsweise die stark steigenden Welthandelszahlen anschaue - so habe der Güterhandel zwischen Asien und den USA im ersten Quartal sensationelle 40% über dem Vor-Corona Niveau (Q4 2019) gelegen -, dann sei zu konstatieren, dass von breitflächigen Lieferproblemen nicht die Rede sein könne, der Güterhandel funktioniere weitestgehend. Ein Risiko seien jedoch neue Coronaausbrüche wie etwa zuletzt in Guangdong, die die Hafenaktivitäten an einem der größten Containerterminals der Welt, Yantian in Shenzen, beeinträchtigen würden.

Für eine Normalisierung spreche zum anderen allerdings auch, dass der Boom im Verarbeitenden Gewerbe mit der Öffnung der Volkswirtschaften nachlassen dürfte. Denn angetrieben sei dieser durch die voraussichtlich temporären Verschiebungen bei den Ausgaben: Das Geld, dass man während der Coronakrise nicht für seinen Jahresurlaub habe ausgeben können, sei in die neue Küche und die Sofagarnitur geflossen. Das kehre sich jetzt um, denn so bald werde man nicht mehr eine neue Küche kaufen und das Sofa werde auch noch eine Weile halten.

Außerdem gebe man nunmehr das Geld für weniger handelsintensive Dienstleistungen wie Reisen, Restaurants und Rockkonzerte aus. Im Ergebnis werde dies zu einer Dämpfung der Nachfrage nach Gütern des Verarbeitenden Gewerbes und einer geringeren Nachfrage nach Rohstoffen führen. Dadurch würden die Wertschöpfungsketten entlastet und der Aufwärtsdruck auf die Rohstoffpreise gehe zurück.

Dem würden einige Beobachter entgegnen, dass die Nachfrage nach Rohstoffen aufgrund der massiven Infrastrukturprogramme in den USA und der EU hoch bleiben werde. Allerdings habe die Biden-Administration ihr Infrastrukturprogramm bislang noch nicht durch den Kongress gebracht und die Ausgaben dürften, falls es politisch durchgesetzt werden könne, über einen Zeitraum von acht Jahren gestreckt werden, was den Preisdruck reduzieren würde. Der Wiederaufbaufonds der EU, der auch hauptsächlich für Infrastrukturausgaben vorgesehen sei, sei vom Umfang her (750 Mrd. Euro) kleiner als das geplante US-Programm (zuletzt umgerechnet 1,4 Billionen Euro) und verteile sich auch über mehrere Jahre. Idealerweise würden diese Programme langfristig für eine höhere Produktivität sorgen, was preisdämpfend wirke.

In Bezug auf den Pandemieschock sei auf einer weiteren Ebene immer noch unklar, ob die Gesellschaft dauerhaft Schutzmaßnahmen ergreifen müsse bzw. ob eine latente Furcht vor einer Ansteckung mit Covid-19 das Konsumverhalten nachhaltig verändern werde. Betroffene Unternehmen könnten die mit den Schutzmaßnahmen verbundenen Kosten nach und nach auf die Kunden überwälzen und so die Inflation zumindest für ein paar Jahre auf ein etwas höheres Niveau heben.

Das sei noch nicht das Ende der Geschichte. Denn als übergreifender langfristig wirkender Faktor komme die Klimapolitik dazu. Gerade habe die Internationale Energieagentur aus Paris eine Studie vorgelegt mit dem Namen "Net Zero by 2050", die verdeutliche, dass die Welt vor einem unerhörten Strukturwandel stehe, in dessen Zuge sich langfristige Nachfrage- und Preisverschiebungen ergeben würden. Beispiele seien Kupfer und Holz, für die die Nachfrage und die Preise nachhaltig steigen dürften, weil Kupfer für den weltweiten Ausbau der Stromnetze zum Abtransport neuer Windkraft- und Solaranlagen benötigt werde und Holz gegenüber Zement als der CO2-freundlichere Baustoff gelte.

Höhere CO2-Steuern bzw. steigende Preise von CO2-Zertifikaten dürften ebenso für eine höhere Kostenbelastung der Unternehmen sorgen, und ein Teil davon werde auf die Konsumenten überwälzt werden bzw. sei von diesen direkt zu tragen. Dem stünden Nachfragerückgänge für die traditionellen Rohstoffe Öl und Kohle gegenüber. Die IEA schätze, dass der Ölpreis sich bis 2030 gegenüber heute auf 35 US-Dollar/Fass in etwa halbieren werde, da die Nachfrage nach Öl bis dahin um 20 % sinken sollte. Zudem dürfe man nicht vergessen, dass die Preise bei den allermeisten Hightech-Produkten wie etwa Lithium-Ionen-Batterien, Windrädern und Photovoltaikanlagen aufgrund steigender Skalenerträge sinken würden. Laut Bloomberg sei der Preis von Lithium-Ionen-Batterien von 2010 bis 2020 um knapp 90% gefallen. Bei den erneuerbaren Energien würden die Preisrückgänge sogar darüber hinausgehen.

Man sollte damit rechnen, dass eine Politik, die die Bedrohung durch den Klimawandel ernst nehme und entsprechend die marktnahen Instrumente wie CO2-Zertifikate sowie regulatorische Eingriffe nutze, gestreckt über die nächsten Jahre per saldo und im Durchschnitt einen leicht positiven Effekt auf die Inflation haben werde.

Die derzeitigen Entwicklungen seien nicht gefahrlos. Komme es zu erneuten Schocks oder könne die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihrer Botschaft, man müsse "durch den Inflationsanstieg hindurchblicken" angesichts zunächst noch weiter steigender Teuerungsraten nicht durchdringen, würden die Inflationserwartungen steigen. Gewerkschaften könnten sich veranlasst sehen, auf überdurchschnittliche Lohnzuwächse zu drängen, um einen Kaufkraftverlust zu vermeiden. Eine Lohn-Preis-Spirale würde möglicherweise in Gang gesetzt werden. Darauf müsste die EZB reagieren, mit einem deutlichen Anziehen der geldpolitischen Zügel und unter Inkaufnahme des Risikos, eine Rezession auszulösen.

Nur so würde die EZB ihre Glaubwürdigkeit als Hüterin der Preisstabilität wahren. Bisher gebe es in der Eurozone für eine Lohn-Preis-Spirale keinerlei Anzeichen. Die Tariflohnzuwächse in Deutschland hätten im ersten Quartal bei 1,4% gelegen, deutlich unter dem durchschnittlichen Zuwachs der letzten zehn Jahre von 2,4%. Auch in Italien seien die Löhne nur minimal gestiegen (April: 0,6% YoY). Die Analysten würden das Risiko der beschriebenen Dynamik für eher unwahrscheinlich halten.

Die Nachwehen der Coronakrise würden für Angebotsengpässe und steigende Rohstoffpreise sorgen. Diese Entwicklung werde sich in den nächsten Monaten normalisieren und dazu beitragen, dass die Preise im Vorjahresvergleich spätestens zu Beginn des Jahres 2022 wieder deutlich weniger stark steigen würden. Die daraus resultierenden Effekte würden kurzfristig die strukturellen Anpassungen überlagern, die in den kommenden Jahren eine größere Bedeutung erlangen würden. 2023 könnte daher das Inflationsziel von 2% erreicht werden (Prognose Dezember 2022: 1,6% YoY). (10.06.2021/alc/a/a)