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Inflation: Kehren wir in die 1970er Jahre zurück?


18.11.21 12:15
La Française AM

Frankfurt am Main (www.anleihencheck.de) - Seit einigen Monaten wird erneut eine Stagflation befürchtet (eine Phase hoher Inflation ohne Wirtschaftswachstum), ähnlich wie in den 1970er Jahren, so François Rimeu von La Française.

Doch sei diese Angst begründet?

Die 1970er Jahre seien von einer beispiellosen Ölkrise geprägt gewesen, in der sich die Preise zwischen 1973 und 1980 mehr als verzehnfacht hätten (Quelle: Bloomberg). Zum Vergleich: Das entspräche einer Steigerung des Preises für ein Barrel Öl von 60 US-Dollar (dem Durchschnittspreis der letzten fünf Jahre) auf über 600 US-Dollar. In den 70er Jahren sei dieser Preisanstieg auf ein Versorgungsproblem zurückzuführen gewesen (Auslaufen des Bretton-Woods-Abkommens, Repressalien im Zusammenhang mit dem Jom-Kippur-Krieg 1973), das erhebliche Folgen gehabt habe: Anstieg der Produktionskosten, Preiserhöhung bei gleichzeitiger Verringerung der Gewinne, Rückgang der Kaufkraft und damit auch der Nachfrage. Diese Krise habe dazu geführt, dass Frankreich und andere Länder umfangreiche Programme zum Bau von Kernkraftwerken in Angriff genommen hätten, um ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern.

Das Stagflation-Problem, wie es in den 1970er Jahren aufgetreten sei, sei also im Wesentlichen ein angebotsbedingtes Problem gewesen, das sich, wie man weiter unten sehen werde, offensichtlich von der aktuellen Situation unterscheide.

In den Vereinigten Staaten dürfte die Inflation bis Ende des Jahres über 6% liegen (Quelle: Cacib) - ein Wert, der seit Anfang der 1990er Jahre nicht mehr erreicht worden sei. Dieser Anstieg könne nicht allein auf die Verteuerung von Dienstleistungen zurückgeführt werden, da die Inflation in diesem Segment im Vergleich zum Szenario vor Corona relativ stabil sei. Andererseits sei der Anstieg im Wesentlichen auf eine Erhöhung der Energiepreise zurückzuführen und beruht hauptsächlich auf sehr günstigen Basiseffekten bei Öl. Die Ölpreise seien nicht durch ein Angebotsproblem in die Höhe getrieben worden - die OPEC verfüge über überschüssige Förderkapazitäten - sondern durch einen starken Anstieg der Nachfrage. Die Inflation sei auch durch ein neues Phänomen angeheizt worden: die Preissteigerung im Warenbereich (z. B. bei Fahrzeugen). Dieser Anstieg lasse sich sowohl durch Angebots- als auch durch Nachfrageprobleme erklären.

Eine Stagflation setze zudem eine starke Abschwächung des Wachstums voraus. Dies sei in den Vereinigten Staaten derzeit nicht der Fall - die Wachstumsprognosen für 2022 lägen bei 4%.

Die amerikanische Situation lasse sich also wie folgt erklären: Die Inflation sei hauptsächlich auf eine starke Nachfrage und ein tatsächliches Wachstum zurückzuführen, das über dem Potenzialwachstum liege, was nicht einem Stagflationsszenario entspreche.

Wie sehe es mit der Inflation in der Eurozone aus? Die Inflationsrate dürfte Ende des Jahres 4,25% erreichen (Quelle: Cacib). Ausschlaggebend dafür seien einmal mehr der Anstieg des Ölpreises pro Barrel sowie ein deutlicher Anstieg der Gas- und Strompreise. Während das Öl-Problem im Wesentlichen ein Nachfrageproblem sei, leide der Gasmarkt unter erheblichen Versorgungsproblemen aufgrund des Streits zwischen Russland und der Europäischen Union über Nord Stream 2. Ein weiterer deutlicher Unterschied zu den USA bestehe darin, dass die Wareninflation besser unter Kontrolle gehalten werde, sodass die Inflation in Europa schneller sinken dürfte als in den Vereinigten Staaten.

Beim Wachstum sehe man das gleiche Szenario wie in den USA, wobei das tatsächliche Wachstum im Jahr 2022 das Potenzialwachstum um mehr als 4% übersteigen dürfte (Quelle: Bloomberg). Diese Zahl könnte jedoch aufgrund der negativen Auswirkungen der steigenden Gaspreise auf das Wachstum nach unten korrigiert werden. Ein Stagflationsszenario könnte also eintreten, wenn die Gaspreise weiter ansteigen würden. Dies würde jedoch voraussetzen, dass sich die Entwicklung über mehrere Quartale hinziehe, was gegenwärtig unwahrscheinlich erscheine.

Das wahrscheinlichste Szenario scheine daher zu sein, dass sowohl die Inflation als auch das Wachstum auf hohem Niveau bleiben würden. In diesem Szenario dürften die Zentralbanken ihre geldpolitische Unterstützung allmählich zurückfahren, was zu höheren Zinssätzen (insbesondere in den USA) und einer Fortsetzung der sektoralen Rotation, die derzeit an den Aktienmärkten stattfinde, führen werde. (18.11.2021/alc/a/a)