Indische Notenbank lässt Leitzinsen trotz niedriger Inflation unverändert


16.06.17 12:30
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Das Wachstum des indischen Bruttoinlandsprodukts hat im ersten Quartal enttäuscht und ist von 7,0% auf 6,1% yoy zurückgegangen, so die Analysten der DekaBank.

Schwach hätten sich sowohl der Bausektor als auch das Verarbeitende Gewerbe und die Finanzindustrie gezeigt. Zum Teil sei der Konjunkturrückgang auf Sonderfaktoren zurückzuführen: Die Bargeldreform habe bei ihrer Einführung Anfang November zu einem deutlichen Rückgang des Bargeldumlaufs geführt, was sich offenbar erst um den Jahreswechsel stärker ausgewirkt habe. Zudem habe durch eine deutliche Aufwärtsrevision des Vorjahresquartals die Vergleichsbasis erhöht, was auf die aktuelle Wachstumsrate drücke.

Davon ungeachtet seien aber auch strukturelle Schwächen erkennbar. So würden sich die Investitionen bereits seit längerer Zeit schwach entwickeln und im ersten Quartal seien sie gegenüber dem Vorjahr gesunken. Die Analysten der DekaBank erwarten dennoch, dass das erste Quartal den Tiefpunkt in den BIP-Wachstumsraten des laufenden Jahres markiert. Für eine Überraschung habe auch die Preisentwicklung gesorgt: Die Inflationsrate sei im Mai von 3,0% auf 2,2% und damit auf den tiefsten Stand seit Beginn der Erhebung nach der neuen Methodik im Jahr 2012 gesunken. Getrieben gewesen sei der Inflationsrückgang vor allem von den Nahrungsmittelpreisen, die im Mai um 1,1% yoy gesunken seien. Die Einführung einer landesweit einheitlichen Mehrwertsteuer sei für Präsident Modi ein großer politischer Erfolg. Mittelfristig seien von der Reform auch positive Wachstumseffekte und ein geringerer Preisdruck zu erwarten. Kurzfristig seien die Folgen weniger eindeutig. So zeige sich der Einzelhandel angesichts neuer bürokratischer Anforderungen etwas verunsichert und versuche, durch Rabatte noch möglichst viele Waren vor dem Stichtag zu veräußern.

Mit Blick auf die schwache Konjunktur, niedrige Inflation und die Rücknahme der Inflationsprojektionen hätte auf der Sitzung des Geldpolitischen Komitees am 7. Juni eine Zinssenkung zumindest im Bereich des Möglichen gelegen. Von sechs Mitgliedern habe allerdings nur eines für eine Rücknahme des Leitzinses votiert, der aktuell bei 6,25% liege. Die Mehrheit der Mitglieder habe zum einen keine große Aussicht gesehen, mit niedrigeren Leitzinsen die Investitionen nennenswert zu beleben, weil strukturelle Investitionshindernisse bestehen geblieben seien. Zum anderen habe man einen Glaubwürdigkeitsverlust befürchtet, wenn die Zinsen zu stark gesenkt würden. Die Analysten der DekaBank erwarten für 2017 keine Zinssenkung.

Indien dürfte auf absehbare Zeit die wachstumsstärkste aller großen Volkswirtschaften sein. Dies ändere jedoch nichts an den grundlegenden Problemen des Landes. So gebe es große Mängel in der Infrastruktur, im Bildungswesen und in der öffentlichen Verwaltung. Die Regierung zeige sich wirtschaftsfreundlich, doch die Investitionsschwäche halte an. Ein wichtiger Pluspunkt sei die Glaubwürdigkeit, die die Zentralbank in den vergangenen Jahren gewonnen habe, da hierdurch die Inflationsbekämpfung erleichtert werde. Der gegenwärtige politische Kurs spreche dafür, dass religiöse Spannungen in den kommenden Jahren zunehmen würden.

Moody's, S&P und Fitch würden indische Fremdwährungsverbindlichkeiten mit Baa3/BBB- im untersten Bereich des Investment Grade einstufen. Eine Herabstufung erscheine gegenwärtig unwahrscheinlich, weil die Defizite in Leistungsbilanz und Haushalt unter Kontrolle gehalten würden. Die Geldpolitik habe in den vergangenen Jahren an Glaubwürdigkeit gewonnen, was geholfen habe, den Wert der Indischen Rupie zu stabilisieren und die Preisentwicklung in den Griff zu bekommen. Um aber den Bonitätstrend nach oben zu drehen, müsste ein besseres Umfeld für Investitionen geschaffen werden, was auch nach dem Regierungswechsel bislang nur in Ansätzen erkennbar sei. Das Verhältnis zum Nachbarn Pakistan bleibe angespannt. Im Kaschmir-Konflikt komme es immer wieder zu Anschlägen und Vergeltungsmaßnahmen durch indisches Militär. (Ausgabe vom 14.06.2017) (16.06.2017/alc/a/a)