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Indien: Die größte Steuerreform seit der Unabhängigkeit vor 70 Jahren - Notenbank senkt Zinsen


11.08.17 11:45
Raiffeisen Capital Management

Wien (www.anleihencheck.de) - Die größte indische Steuerreform seit Erringung der Unabhängigkeit vor 70 Jahren wird seit dem 1. Juli umgesetzt, so die Experten von Raiffeisen Capital Management in ihrem aktuellen "emreport".

Sie solle vor allem endlich einen echten Binnenmarkt innerhalb der indischen Union schaffen. Zudem werde die Steuerbasis damit deutlich verbreitert. Ihr langfristig positives Potenzial für Staatsfinanzen und Wirtschaftswachstum sei weitgehend unstrittig. Ihre kurzfristigen Auswirkungen seien hingegen weit weniger klar. Dazu trage zum einen die Schwerfälligkeit der Bürokratie in dem 1,3 Milliarden Einwohner zählenden Land bei. Zum anderen habe die Modi-Regierung ein extrem komplexes bürokratisches Monstrum geschaffen, das gerade viele kleinere Unternehmen durchaus in den Ruin treiben könnte.

So gebe es faktisch sieben (!) unterschiedliche Umsatzsteuersätze, je nach Ware und Dienstleistung. Juristische Auseinandersetzungen über die korrekte Eingruppierung von Unternehmen und Gütern seien faktisch programmiert. Dabei habe das völlig überlastete Justizsystem ohnehin schon fast 25 Millionen ausstehende Rechtsstreite abzuarbeiten. Die Besteuerung etlicher wichtiger Güter bleibe zudem weiterhin Angelegenheit der Unionsstaaten. Jedes Unternehmen müsse künftig pro Jahr 37 (!) Steuererklärungen online abliefern. Millionen kleinerer Unternehmer würden aber gar nicht über die nötige technische Infrastruktur (Computer, Internetanschluss) sowie über das erforderliche Wissen verfügen. Hinzu komme, dass monatlich Steuerzahlungen auf Umsätze zu leisten seien, selbst wenn ein Unternehmer seinerseits vielleicht noch gar nicht den entsprechenden Geldbetrag erhalten habe. Für Geschäfte mit zeitnaher Barzahlung sei das zwar kein Problem. Doch gerade gegen Bargeld habe ja die Modi-Regierung erst vor neun Monaten einen extrem aggressiven Schritt gesetzt.

Die Verunsicherung in der indischen Volkswirtschaft sei jedenfalls enorm. Der Einkaufsmanagerindex habe im Juli kollabiert und sei auf den tiefsten Stand seit 2009 gefallen, noch tiefer als nach der Bargeldreform vom letzten November. Die langfristigen Erwartungen der Einkaufsmanager seien allerdings weiterhin sehr positiv. Unterdessen habe die Notenbank erwartungsgemäß den Leitzins um 0,25% auf 6% gesenkt, nachdem die Inflationsrate schon seit längerem unter ihrem Zielwert liege. Der BSE Sensex-Index habe im Juli im Einklang mit dem globalen Schwellenländer-Trend ein kräftiges Kursplus von rund 5% verzeichnet und damit neue Rekordhochs markiert. (Ausgabe August 2017) (11.08.2017/alc/a/a)