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Indien: Zentralbank leitet den Straffungszyklus ein


09.05.22 10:47
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die indische Notenbank hat am 4. Mai den Leitzins auf einer außerplanmäßigen Sitzung um 40 Basispunkte auf 4,4% angehoben, so die Analysten der DekaBank.

Die Inflationsrate sei im März überraschend deutlich von 6,1% auf 7,0% gestiegen. Das mittelfristige Inflationsziel liege bei 4%, mit einem Toleranzband von 2% bis 6%. Bereits auf der letzten regulären Sitzung sei ein erster Zinsschritt verbal vorbereitet worden, indem die Aufwärtsrisiken für die Preisentwicklung höher gewichtet worden seien als die ebenfalls vorhandenen Abwärtsrisiken für die Konjunktur. Aufgrund der überraschend hohen Inflationsrate im März sei der Schritt nun vorgezogen worden. Der Preisdruck werde noch einige Monate anhalten. Um die Inflationserwartungen im Zaum zu halten, werde es nicht bei einem Zinsschritt bleiben. Bis Ende des Jahres dürfte der Leitzins wohl um mindestens weitere 100 Basispunkte angehoben werden.

Der erhöhte Preisdruck, das Vorziehen der Zinsanhebungen, die Störung der internationalen Lieferketten durch die Lockdowns in China sowie die anhaltenden geopolitischen Unsicherheiten würden auf dem Wachstumsausblick für Indien lasten. Die Analysten hätten daher trotz zuletzt steigender Einkaufsmanagerindizes die BIP-Prognose für das laufende Jahr von 7,6% auf 6,6% reduziert. Die hohen Energiepreise würden nicht nur den Inflationsausblick verschlechtern, sondern würden auch die Leistungsbilanz belasten. Um den Druck zu reduzieren, verhandle man nun mit Russland über Öllieferungen zu Sonderkonditionen.

Da Russland nur noch beschränkt in der Lage sei, Rohöl nach Europa zu exportieren, sei die Verhandlungsbereitschaft offenbar hoch. Bislang beziehe Indien nur rund 2% seiner Ölimporte aus Russland, doch das dürfte sich nun deutlich verändern. Damit laufe Indien Gefahr, größerem diplomatischem Druck seitens des Westens ausgesetzt zu werden, da Indien die Bemühungen des Westens, Russland von Devisenzuflüssen abzuschneiden, unterlaufen würde. Einen Bruch im Verhältnis zu Indien dürfte der Westen aber kaum riskieren.

Die Hoffnung, Indien könne zur nächsten großen Wachstumsgeschichte werden, sei in den vergangenen Jahren regelmäßig enttäuscht worden. Angesichts fundamentaler Schwächen würden auch nach der Überwindung der Corona-Krise mittelfristig Raten von deutlich mehr als 7% eher optimistisch erscheinen. So gebe es große Mängel in der Infrastruktur, im Bildungswesen und in der öffentlichen Verwaltung. Anders als in früheren Jahren wolle die Regierung nun die Wirtschaft allerdings durch eine expansive Fiskalpolitik stärken.

Der Grenzkonflikt mit China habe das Verhältnis der beiden Länder nachhaltig belastet. Chinesische Unternehmen dürften sich in den kommenden Jahren mit Investitionen in Indien zurückhalten. Durch den Abzug der USA aus Afghanistan sei die strategische Stellung der beiden indischen Konkurrenten China und Pakistan gestärkt worden. So habe Indien ein Interesse an guten Beziehungen zu den USA, um seine Position zu stärken, auch wenn Indien eine offensive Politik der Eindämmung Chinas ablehne.

Moody’s habe das Rating für indische Fremdwährungsverbindlichkeiten im Juni 2020 auf Baa3 gesenkt und vor allem die strukturelle Wachstumsschwäche kritisiert. In der Krise sei die Staatsverschuldung gestiegen. Die Staatsfinanzen hätten schon vor der Krise zu den Schwachpunkten im indischen Bonitätsprofil gezählt. Im Oktober 2021 habe Moody’s aber den Ratingausblick auf stabil verbessert und damit das Risiko einer weiteren Herabstufung in den Junk-Bereich reduziert. Fitch vergebe allerdings noch einen negativen Ausblick und stufe das Land ebenfalls auf der untersten Stufe des Investment-Grade-Bereichs ein. Die Abkehr von der eher konservativen Fiskalpolitik früherer Jahre erhöhe das Risiko einer Herabstufung. Angesichts der geringen Auslandsverschuldung Indiens stehe die Zahlungsfähigkeit des Landes jedoch nicht infrage. (Ausgabe vom 06.05.2022) (09.05.2022/alc/a/a)