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Hohe Inflation: Lagarde wird sich kritischen Fragen stellen müssen


03.09.21 08:30
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - An den Rentenmärkten haben die Inflationszahlen aus der Eurozone für Bewegung gesorgt, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

In der Eurozone habe die Inflation im August bei 3,0% YoY gelegen, Deutschland habe daran mit 3,4% (HVPI, YoY), dem höchsten Wert seit 2008, einen wesentlichen Anteil. Aber auch in Spanien sei die Inflation überdurchschnittlich hoch, während in Frankreich und Italien die Teuerungsraten mit 2,4% und 2,6% deutlich niedriger lägen. Die These, dass Anfang 2022 die Inflation deutlich zurückgehen werde, sei weiterhin gerechtfertigt. Jedoch könnte die Inflation auf einem höheren Plateau landen als bisher erwartet. Außerdem spreche einiges dafür, dass die Unternehmen nach und nach ihre Mehrkosten im Zusammenhang mit Corona und einer Neujustierung ihrer Lieferketten an die Konsumenten weitergeben würden, sodass in 2023 und 2024 die Preise weiter steigen sollten. Das 2%-Inflationsziel der EZB könnte dann gerissen werden. Bundesbankpräsident Jens Weidmann habe sich ebenfalls zu diesem Thema geäußert und gesagt, dass die Risiken für die Inflation nach oben gerichtet seien. Seine Kollegin Isabel Schnabel sehe dies nicht so.

Von den Ölmärkten werde vermutlich kein weiterer Inflationsdruck kommen, nachdem die OPEC+ daran festgehalten habe, die Förderung Monat für Monat kräftig auszuweiten.

Aus China kämen zudem Meldungen, die der Vermutung Nahrung geben würden, dass der Inflationsdruck bald wieder nachlassen könnte. So sei in China der PMI für den Dienstleistungssektor massiv gefallen und liege jetzt mit 47,5 Punkten im schrumpfenden Bereich. Auch der Index für das Verarbeitende Gewerbe habe nachgegeben und liege jetzt nur noch knapp im expansiven Bereich. Chinas Nachfragesog dürfte also nachlassen.

Das Thema Inflation werde natürlich bei der kommenden EZB-Sitzung ein großes Thema werden. Lagarde dürfte sich mit kritischen Nachfragen konfrontiert sehen, warum man denn untätig bleibe, wenn das gerade neu formulierte Inflationsziel von 2% doch so eklatant überschritten werde. Lagarde werde darauf hinweisen, dass die EZB ein Überschießen der Inflation bereits antizipiert habe und bei der letzten Sitzung betont habe, dass die Geldpolitik nicht gegensteuern werde. Der Grund: Die außergewöhnliche Krise habe außergewöhnliche Maßnahmen erforderlich gemacht und außerdem sei der Inflationsanstieg ja nur temporär, was nach Erachten der Analysten der Hamburg Commercial Bank allerdings nur gelte, wenn man die Jahre 2023 folgende nicht berücksichtige.

Vorstellbar sei, dass man bereits jetzt eine Verlängerung des bis März 2022 laufenden PEPP-Programms ankündige, verbunden mit der Bekanntmachung, dass man dann das Programm allmählich herunterfahren werde. Es stelle sich auch die Frage, ob über den Dezember 2021 hinaus weitere TLTRO-Geschäfte (langfristige Refinanzierung) angeboten würden. Die Analysten der Hamburg Commercial Bank würden eine Verlängerung um sechs Monate für wahrscheinlich halten. Am Einlagen- und dem Hauptrefinanzierungssatz werde man vermutlich nichts ändern.

Am Montag sei wegen des Labor Day Feiertag in den USA. Am Dienstag werde, wenn nichts dazwischen komme, mit El Salvador das erste Land der Welt Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel einführen, neben dem US-Dollar. Außerdem könne es sein, dass sich Präsident Biden nächste Woche zur Personalie Jerome Powell äußere. Es gehe darum, ob seine erste Amtszeit verlängert werde oder ob Biden einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin suche.

Datenseitig werde der ISM für die Dienstleistungen veröffentlicht (03.09.), in der Eurozone lägen die PMI-Schnellschätzungen schon vor, das hohe Niveau habe gehalten werden können, neu würden die Einzeldaten für etwa Italien und Spanien sein (auch 03.09.). Nächste Woche sollte man unter anderem auf die Auftragseingänge in Deutschland achten (06.09.). Auffällig sei, dass die Produktion stark hinter den Auftragsbeständen hinterherhinke. (Ausgabe vom 02.09.2021) (03.09.2021/alc/a/a)