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Haben auch geopolitische Börsen kurze Beine?


01.09.17 12:15
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Die bekannte Börsenweisheit, dass politische Börsen kurze Beine haben, hat im Laufe dieses Jahres erneut ihre Daseinsberechtigung bewiesen, so Johannes Flieckenschildt von der Weberbank.

Die aufkommende Euphorie nach der Wahl Donald Trumps sei so schnell wie sie gekommen sei auch wieder abgeklungen. Doch wie verhalte es sich mit "geopolitischen Börsen"? Hätten auch sie kurze Beine?

Mit Blick auf den Nordkorea-Konflikt solle versucht werden, diese Frage zu beantworten. Auch wenn Börsenweisheiten in gewissen Phasen ihre Berechtigung hätten, müsse Anlegern bewusst sein, dass die Politik nicht nur kurzfristige Strohfeuer auslöse, sondern darüber hinaus die grundsätzliche wirtschaftliche Entwicklung eines Landes und somit auch die langfristige Entwicklung der Finanzmärkte beeinflusse. Ein Blick auf die beiden Schwellenländer Brasilien und Indien bestätige diese These. Zudem gehe es in der heutigen Ausgabe um eine weitere Politik, die die Märkte im Bann halte - die Geldpolitik.

Mit "Feuer und Zorn" habe Donald Trump Anfang August angekündigt, auf weitere Provokationen des nordkoreanischen Militärs zu reagieren. In dieser Woche sei jedoch schon die nächste Provokation Nordkoreas gekommen. Erstmals habe eine Rakete unangekündigt Japan überflogen, was weltweit für großes Aufsehen gesorgt habe. Was den Anlegern neben einem atomaren Konflikt insbesondere Sorgenfalten auf die Stirn treibe, seien Spannungen zwischen den USA und China. Denn Chinas Führung wolle aus geopolitischem Interesse einen Zusammenbruch der Regierung in Nordkorea verhindern.

So sei es nicht verwunderlich gewesen, dass nach der neuerlichen Eskalation Anleger ihre Investitionen in die "sicheren Häfen" verlagert hätten. Insbesondere der Japanische Yen, der Schweizer Franken und Gold hätten davon profitieren können. Interessant sei jedoch zu beobachten gewesen, dass der US-Dollar, der üblicherweise als Hort der Sicherheit gelte, von dieser sich breitmachenden Risikoaversion nicht habe profitieren können. Er habe auf ein neues Jahrestief von gut 1,205 US-Dollar gegenüber dem Euro abgewertet.

Doch ähnlich wie bei vorherigen Eskalationen des Nordkorea-Konflikts, sei die Sorge an den Märkten kurz darauf der Normalität gewichen und der US-Dollar sowie die Aktienmärkte hätten sich wieder erholt. Man könnte also meinen, dass "geopolitische Börsen" kurze Beine hätten. Aber man sollte sich genauso vergegenwärtigen, dass weitere Eskalationsstufen die Bereitschaft der Anleger, risikoreichere Wertpapiere zu kaufen, längerfristig beeinträchtigen könne, was niedrigere Kursniveaus zur Folge hätte.

Solche risikoreicheren Wertpapiere seien beispielsweise Schwellenländeraktien. Diese hätten sich jedoch inmitten dieser Spannungen bemerkenswert stabil gehalten. Ein Grund dafür sei, dass sich das konjunkturelle Umfeld in vielen dieser Länder sukzessive verbessert habe. In Indien beispielsweise habe zuletzt eine Steuerreform die Aufmerksamkeit der Anleger gefordert. Die Vereinheitlichung des dortigen komplexen Steuersystems habe zwar durch Umsetzungsschwierigkeiten kurzfristig zu einer Eintrübung der Wirtschaftsaktivität geführt. Die Unternehmensumfragen würden aber auch zeigen, dass die mittelfristige Wachstumserwartung angestiegen sei.

Ein anderes Beispiel sei Brasilien. Das südamerikanische Land habe in den letzten Jahren eine tiefe Rezession durchlebt. Aber auch hier seien deutliche Verbesserungen zu erkennen, die den Anlegern wieder Zuversicht geben würden. Insbesondere die angestrebte Reform der Sozialsysteme sollte diesen eingeschlagenen positiven Trend weiter fortsetzen.

Beide Beispiele würden verdeutlichen, wie politische Reformen längerfristig das Wachstum beeinflussen und über kurze Effekthascherei hinaus an den Finanzmärkten wirken könnten. Zu dem positiven makroökonomischen Bild kommt hinzu, dass auch das Gewinnwachstum bei den dortigen Unternehmen eine gute Dynamik aufweist, sodass die Analysten der Weberbank Schwellenländeraktien und -anleihen derzeit in ihren Portfolios übergewichten.

In den entwickelten Märkten stünden vor allem an den Rentenmärkten die Notenbanken im Zentrum des Interesses der Investoren. So auch Ende vergangener Woche, als wichtige Vertreter aus der Wirtschaft zu einem alljährlichen Symposium in den Bergen Wyomings (USA) zusammengetroffen hätten. Dabei seien auch der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, und die Chefin der Amerikanischen Zentralbank FED, Janet Yellen, gewesen. Die Anleger hätten sich von ihren Reden Hinweise für die kommenden Maßnahmen zum Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik versprochen. Doch die Erwartungen seien enttäuscht worden. Weder Draghi noch Yellen hätten Details zur künftigen Geldpolitik ihrer Wirtschaftsregionen bekannt gegeben. Doch keine Antwort sei in diesem Fall auch eine Antwort. Denn dadurch, dass die Inflation in der Eurozone und den USA nicht die erwartete Dynamik aufweist, gehen die Analysten der Weberbank davon aus, dass die geldpolitische Straffung behutsam und abhängig von kommenden Wirtschaftsdaten vollzogen werden wird, wodurch die Rentenmärkte eher weiter gestützt werden sollten. (01.09.2017/alc/a/a)