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Großbritannien: Zinsanhebungen und aufwertendes Pfund nicht nachhaltig


12.10.17 16:50
IKB Deutsche Industriebank

Düsseldorf (www.anleihencheck.de) - Der britische Notenbankenchef Carney kündigte Mitte September an, dass die Wahrscheinlichkeit einer Leitzinsanhebung durch die britischen Notenbank Bank of England (BoE) in den kommenden Monaten deutlich ansteigen wird, so Dr. Klaus Bauknecht von der IKB Deutsche Industriebank AG.

Dies habe die seit Anfang September eingeleitete Aufwertung des Pfund weiter befeuert. Und dennoch scheine sich seit Ende September eine schwächere britische Währung abzuzeichnen. Sei diese jüngste Entwicklung nur kurzfristig? Auf Grundlage von Konjunktur-, Inflations- sowie strukturellen Entwicklungen in Großbritannien sei die Wahrscheinlichkeit einer nachhaltigen Aufwertung eher gering. Die aktuelle Abwertung sei deshalb fundamental nachvollziehbar, die vorherige Aufwertung nicht.

Viele Länder hätten 2017 unter anderem in Folge der Ölpreiserholung einen Anstieg ihrer Inflationsraten erfahren. So sei auch der Anstieg der britischen Inflationsrate generell nicht völlig überraschend gewesen. Die britische Inflationsrate sei von 1,3% im September 2016 auf über 2,7% im August 2017 angestiegen. Für das Gesamtjahr 2017 werde die Inflationsrate vorrausichtlich bei 2,5% liegen, was deutlich über dem Wert von 2016 (1,1%) liege. Doch wenige Notenbanken würden deshalb die Zinsen erhöhen. Dies gelte vor allem bei risikobehafteten konjunkturellen Aussichten, was in der Euro-Zone lange Zeit der Fall gewesen sei und aktuell vermehrt für Großbritannien gelte.

Laut BoE sei auch die anhaltende Schwäche des Pfund in Folge der Brexit-Entscheidung ein Grund für den aktuellen Inflationsanstieg. Dieser sollte gemäß BoE-Prognosen seinen Höhepunkt von rund 3% in den nächsten Monaten erreichen. Danach erwarte die BoE einen Rückgang der Inflationsrate in den kommenden beiden Jahren. Selbst unter der Annahme, dass sie ihren Leitzins über den Prognosezeitraum unverändert bei 0,25% belasse, wäre laut BoE mit einem deutlichen Rückgang der Inflationsrate auf rund 2% bis 2019 zu rechnen. Aufgrund dieser Prognosen und vor allem mit Blick auf die hohen Risiken, die sich für die britische Wirtschaft aus den Brexit-Verhandlungen ergeben würden, bleibe fraglich, ob eine Zinsanhebung der BoE und eine damit verbundene Aufwertung des Pfund zu erwarten sei bzw. zu einer Stabilisierung beitragen würde.

Gerade in Phasen einer Nullzinspolitik habe der Devisenkurs als Einflussgröße auf die Wirtschaft an Bedeutung gewonnen. Dies habe auch EZB-Präsident Draghi in der letzten EZB-Sitzung belegt. Und auch der Erfolg des EZB-Aufkaufprogramms beruhe zu einem nicht zu vernachlässigenden Teil auf der daraus folgenden Abwertung des Euro. Im aktuellen Umfeld würde eine Zinsanhebung der BoE nur dann Sinn machen, wenn der negative Einfluss auf die konjunkturelle Erholung zu vernachlässigen wäre.

Doch gerade dies könne aufgrund der Bedeutung des Pfund für die Konjunktur wie auch für die strukturelle Neuausrichtung der britischen Wirtschaft nicht angenommen werden. Dies gelte selbst bei dem aktuell niedrigen Leitzins von 0,25%. Denn entscheidend sei nicht das Niveau des Leitzinses, sondern der Einfluss einer Veränderung - unter anderem auf den Devisenkurs. Und dieser könne durchaus bedeutend sein, wie die Aufwertung gezeigt habe, die auf Carney’s Aussagen im September gefolgt sei.

Die britische Wirtschaft habe über die Jahre ein solides Wachstum gezeigt, die Arbeitslosenquote sei von rund 8% Anfang 2013 auf aktuell rund 4,5% gesunken. Doch mit der Brexit-Entscheidung scheine sich das Blatt gewendet zu haben. Grundsätzlich werde in Folge von anhaltender Unsicherheit, höherer Transaktionskosten und Wettbewerbsverlusten ein herausforderndes wirtschaftliches Umfeld für den Standort Großbritannien prognostiziert.

Zwar zeige sich die Konjunktur bis dato stabil. Doch die weitreichenden Auswirkungen eines Austritts stünden der britischen Wirtschaft noch bevor. Denn die Brexit-Verhandlungen kämen nicht in Gange, sodass die Unsicherheit über die weiteren Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU weiterhin unsicher seien. Die britische Konjunktur scheine bereits die ersten Folgen zu spüren: Sei die britische Wirtschaft in der zweiten Hälfte 2016 noch um 1,1% gewachsen, so habe das Wachstum in der ersten Jahreshälfte 2017 nur noch bei 0,7% gelegen.

Die BoE bleibe in ihren Prognosen erstaunlicherweise guter Dinge, was den wirtschaftlichen Ausblick angehe. Zum einen nehme sie in ihren Prognosen an, dass es eine problemlose Transferphase hin zu einem neuen Handelsregime geben werde. Zum anderen erwarte sie, dass die negativen Effekte des Brexit durch einen grundsätzlichen Anstieg der Investitionen in Folge eines schwachen Pfunds und hoher Kapazitätsauslastung ausgeglichen würden. Hier zeige sich erneut die bedeutende Rolle des Pfund. Je schwieriger sich die Verhandlungen gestalten würden und je größer die Unsicherheit über die zukünftige britische Vernetzung mit der EU sein werde, desto notwendiger sei ein schwaches Pfund, um ausreichend Gegenanreize zu schaffen.

Nur im Falle schnell ausgehandelter und vor allem für die britische Wirtschaft erfolgreicher Verhandlungen wäre Raum für eine Zinsanhebung, da die daraus folgende Aufwertung des Pfunds weniger bedeutend wäre. Aktuell sehe es jedoch nicht danach aus und die Annahmen bzw. Prognosen der BoE seien mit einem hohen Abwärtsrisiko behaftet. Auch innenpolitisch scheine Vieles in Großbritannien nicht geklärt zu sein, wie die schwindende Unterstützung von Theresa May durch die Bevölkerung aber auch durch die eigene Partei andeute. So bleibe die Unsicherheit in der britischen Wirtschaft grundsätzlich hoch, was die Investitionsbereitschaft - auf welche die BoE hoffe - mehr und mehr belasten werde.

Aufgrund der anhaltenden Unsicherheit über die Ausgestaltung des Brexit tue die BoE gut daran, keine überhasteten Zinsanhebungen zu realisieren. Niedrige Zinsen würden Investitionen stützen, aber vor allem den Konsum und somit die Nachfrageseite der Wirtschaft. Und ein schwaches Pfund erlaube die Neuausrichtung der Wirtschaft: Steigende Importpreise und Inflation würden zwar das reale Einkommen und somit den privaten Konsum dämpfen, der mit rund 63% der größte Block der Binnennachfrage darstelle. Gleichzeitigt werde aber durch internationale preisliche Wettbewerbsvorteile die Angebotsseite der Wirtschaft gestärkt. Eine Abwertung des Pfund stärke deshalb nicht nur die Nachfrage nach Exporten, sondern führe auch zu Investitionen in den Exportsektor und sorge für Potenzialwachstum.

Konjunkturell wie strukturell könne eine Abwertung deshalb zu einer Verbesserung der Leistungsbilanz bzw. zu einem verbesserten Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage führen. Gerade mit Blick auf den Brexit sei ein mittelfristig schwacher Devisenkurs notwendig, um die Geldpolitik ausreichend expansiv zu gestalten und gleichzeitig Anreize für Investitionen und ein stabiles Potenzialwachstum sicherzustellen. Dies sehe auch Theresa May so, die den Fokus auf die Reindustrialisierung und Globalisierung der britischen Wirtschaft legen möchte. Die IKB erwarte deshalb weiterhin ein relativ schwaches Pfund, getrieben durch die realwirtschaftliche Entwicklungen und eine zögernde Geldpolitik.

Die EU sei ein wichtiger Zulieferer für den britischen Wertschöpfungsprozess - vor allem im Verarbeitenden Gewerbe. Würde das britische Potenzialwachstum infolge des Brexit leiden, so möge in der Tat eine Zinsanhebung notwendig sein, um das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage auf einem niedrigeren Wachstumspfad sicherzustellen. Eine durch eine Zinsanhebung verursachte Aufwertung des Pfunds würde die internationale Kaufkraft der Briten erhöhen und den Lebensstandard kurzfristig durch höhere Importe erhalten.

Allerdings sei davon auszugehen, dass mit einem sinkenden Potenzialwachstum infolge nicht ausreichender Investitionen auch die Nachfrage aufgrund einer steigenden strukturellen Arbeitslosigkeit belastet werde, was die Sinnhaftigkeit einer Zinsanhebungen zunichtemachen sollte. Letztendlich sei es die Nachfrage, die die Wirtschaftsdynamik bestimme. Deshalb sei eine Zinsanhebung auf Grundlage der Erwartung zu vernachlässigen, dass sich durch den Brexit eine Ungleichgewicht in der Wirtschaft herauskristallisiere.

Die Wahrscheinlichkeit, dass das Britische Pfund weiter aufwerte, bleibe überschaubar. Denn zum einen würden sich aus den Brexit-Verhandlungen erhebliche Risiken für die britische Wirtschaft ergeben, zum anderen sei ein schwaches Pfund eine wichtige Steuerungsgröße für die strukturelle wie auch konjunkturelle Ausrichtung Großbritanniens nach dem Austritt aus der EU. In solch einem Umfeld wäre eine Zinsanhebung durch die britische Notenbank aktuell nicht nachhaltig - vor allem, wenn das Pfund darauf reagieren würde. (12.10.2017/alc/a/a)