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Großbritannien: Weg frei für Zinsschritt der BoE


01.11.17 09:26
Nord LB

Hannover (www.anleihencheck.de) - Nach ersten vorläufigen Berechnungen des Office for National Statistics (ONS) konnte die britische Wirtschaftsleistung im zurückliegenden 3. Quartal gegenüber der Vorperiode preis- und saisonbereinigt um 0,4% Q/Q zulegen, das Vorjahresniveau wurde um 1,5% Y/Y übertroffen, so die Analysten der Nord LB.

Das Wirtschaftswachstum sei wie schon zuvor von einer Ausweitung der Aktivitäten in den Dienstleistungssektoren gestützt worden. Auch die Industrieproduktion (+1,0% Q/Q) habe maßgeblich zum Anstieg des Bruttoinlandsprodukts beigetragen. Das sei zweifellos eine gute Nachricht. In der Bauwirtschaft habe sich die Wertschöpfung hingegen gegenüber der Vorperiode um -0,7% Q/Q verringert, nachdem hier schon im 2. Quartal ein Rückgang um -0,5% Q/Q vermeldet worden sei. Die ersten Vorausschätzungen seien üblicherweise recht revisionsanfällig.

Zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung habe das ONS noch nicht einmal die Hälfte der für die Berechnungen eigentlich benötigten Daten beisammen. Es bleibe also abzuwarten, wie sich das Konjunkturbild präsentiere, wenn weitere Informationen vorlägen. Für den Moment lasse sich aber schon feststellen, dass sich die britische Wirtschaft in einem Umfeld von politischer Orientierungslosigkeit, stockenden Brexit-Verhandlungen, einem schwachen Pfund und hohen Inflationsraten als überaus widerstandsfähig erwiesen habe.

Die Analysten würden dennoch skeptisch mit Blick auf die weiteren Perspektiven bleiben. Die real verfügbaren Haushaltseinkommen - und damit der private Verbrauch - würden von den hohen Inflationsraten regelrecht eingeschnürt. Der Verbraucherpreisanstieg habe im September bei 3,0% Y/Y gelegen, die durchschnittlichen Löhne und Gehälter hätten sich zuletzt hingegen nur um 2,2% Y/Y erhöht. Hinzu komme, dass die enormen Unsicherheiten über den Verlauf der Brexit-Verhandlungen auf der wirtschaftlichen Aktivität lasten würden.

Trotz der etwas versöhnlicheren Töne beim letzten EU-Gipfeltreffen komme eine Einigung über die von Großbritannien an die EU noch zu leistenden Zahlungen ("Exit Bill"), die zukünftigen Rechte von EU-Ausländern im Vereinigten Königreich sowie die Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland nicht voran. Über diese Themen hätte man sich eigentlich bis Ende Oktober verständigt haben wollen, um anschließend über die künftigen Handelsbeziehungen zu reden. Dieser Zeitplan sei nun nicht mehr einzuhalten. Sofern es nicht gelinge, sich mindestens einvernehmlich auf ein Moratorium für die Zeit nach dem März 2019 zu verständigen, drohe ein "Cliff Edge Brexit". Nach den Worten eines Sprechers von Brexit-Minister Davis solle dem Parlament hierbei allerdings ein Vetorecht eingeräumt werden.

Die Bank of England habe in ihrer Erklärung nach der letzten Sitzung des Monetary Policy Committee darauf hingewiesen, dass eine Straffung der Geldpolitik gerechtfertigt sein könne, sofern sich die Wirtschaft so wie in den im August vorgestellten Projektionen entwickele. Die Notenbank werde am "Super Thursday" am 2. November einen aktualisierten Inflation Report vorstellen und über ihre geldpolitische Strategie entscheiden.

Nicht zuletzt die Zahlen des ONS zum doch sehr robusten Wirtschaftswachstum im 3. Quartal würden den Weg frei für eine Anhebung der Bank Rate um 25 Basispunkte machen. Dass dieser Schritt den Wechselkurs des Pfund nachhaltig stützen und die ausufernde Inflation darüber in Schach halten könne, würden die Analysten allerdings bezweifeln. Immerhin dürften die Devisenmärkte die geldpolitische Straffung längst eingepreist haben - ohne signifikante Kursgewinne für die Inselwährung. (Ausgabe vom 27.10.2017) (01.11.2017/alc/a/a)