Erweiterte Funktionen

Generation Inflation


07.10.21 10:30
Neuberger Berman

New York (www.anleihencheck.de) - Wenn Sie unter 50 sind und in einem Industrieland leben, haben Sie wahrscheinlich noch keine wirkliche Inflation erlebt, so Brad Tank, CIO Fixed Income bei Neuberger Berman.

Sind Sie zwischen 50 und 60 Jahre alt, kennen sie zumindest keine Teuerung, die echten Schaden angerichtet hat, berichten die Experten von Neuberger Berman. Der Ausverkauf von Industrieländeranleihen in den letzten zwei Wochen - zusammen mit dem enormen Energiepreisanstieg, Schlangen an den Tankstellen und Lieferengpässen - könnte aber Grund genug sein, sich mit dem Thema wieder zu befassen.

In den letzten 20 bis 30 Jahren habe ein vorübergehender Preisanstieg unter anderem bei Lebensmitteln und Energie nie zu einer generell höheren Teuerung geführt. Aber dieses Mal könnte es anders sein, aus vier Gründen:

Energiepreise: Sei der 120-jährige Abwärtstrend vorbei?

In den letzten zwölf Monaten hätten sich die Erdgaspreise verdoppelt. Plötzlich scheine allen bewusst zu werden, dass die Dekarbonisierung der Wirtschaft die Energieausgaben von Unternehmen und Verbrauchern erstmals steigen lasse. Abgesehen von einer kurzen Phase in den späten 1970er-Jahren seien die amerikanischen Benzinpreise seit Beginn des 20. Jahrhunderts real immer weiter gefallen. Der Fracking-Boom habe die Situation durch die 2010er Jahre noch in Grenzen gehalten. Doch jetzt, wo der Klimaschutz immer drängender werde, dürfte der 120-jährige Abwärtstrend endgültig vorbei sein.

Die Trendwende müsse keineswegs dramatisch sein. Bei einer generellen CO2-Steuer, Anreizen für erneuerbare Energien und marktwirtschaftlichen Lösungen würden die Experten auch eine schrittweise Energiepreisanpassung für denkbar halten. Eine bestimmende Politik mit genauen Vorgaben für Unternehmen und Verbraucher könnte den Marktmechanismus aber außer Kraft setzen, sodass man sich an volatilere Preise gewöhnen müsse. Man dürfe nicht vergessen, dass der Sieg über die Inflation in den 1980er-Jahren nicht nur durch höhere Zinsen zustande gekommen sei, sondern auch durch Deregulierung und weniger Interventionen am Weltenergiemarkt.

Neue Prioritäten

Der zweite Punkt sei, dass China die weltweite Teuerung nicht mehr dämpfe. Im Mai habe der jüngste Zensus gezeigt, dass Chinas Bevölkerung altere und kaum wachse - und dass mehr Chinesen in Städten wohnen würden als je zuvor. Die Erwerbstätigenzahl wachse nicht mehr. Deshalb lege die Regierung bei ihrer neuen Sozial- und Regulierungspolitik so viel Wert auf Gleichheit, Gesundheit, Umweltschutz, Autarkie und Automatisierung - anstelle eines Wirtschaftswachstums, das Arbeitsplätze schaffe. China werde demnächst keine Billigprodukte für den Export mehr produzieren, sondern Hochtechnologie für den Inlandsmarkt. Davon sei man bei Neuberger Berman überzeugt.

Drittens sei die Geldpolitik heute so politisch wie seit 30 oder 40 Jahren nicht mehr. Schon zu Jahresbeginn habe man sich bei Neuberger Berman gefragt, ob die Notenbanken noch unabhängig seien. Dabei habe man nicht nur an die großen Interventionen während der internationalen Finanzkrise und der COVID-19-Pandemie gedacht. Geändert hätten sich auch die Mandate, implizit und explizit. Hinzugekommen seien soziale Ziele wie die Finanzierung einer nachhaltigen Infrastruktur, Vollbeschäftigung, soziale Gerechtigkeit und die Unterstützung der expansiven Fiskalpolitik. All das scheine heute wichtiger als Preisstabilität.

Schmerzhaft

Letztlich, selbst wenn Corona die Lieferketten nur vorübergehend stört, wie uns die Notenbanken immer wieder versichern, sind langfristige Folgen nicht auszuschließen, so die Experten von Neuberger Berman.

Wenn die Experten mit Unternehmen über Logistik, Halbleiter und Rohstoffpreise sprechen würden, würden sie oft hören, dass die Lieferkettenprobleme wohl bis weit in den Sommer 2022 anhalten würden - und bei jedem neuen Treffen würden sie einen späteren Termin nennen.

Und diese Probleme seien teuer: Der Transport eines 40-Fuß-Containers von Asien in die USA koste etwa 20.000 US-Dollar, gegenüber gerade einmal 2.000 US-Dollar vor der Pandemie. Die Rohstoffe für die Produktion eines Autos seien letztes Jahr um etwa 2.000 US-Dollar teurer geworden, und die Rohstoffkosten eines Reifen hätten sich sogar verdoppelt. Aufgrund der Halbleiterknappheit habe IHS Markit seine Prognose für die weltweite PKW-Produktion in diesem Jahr im September erneut gesenkt, von 14 Prozent Wachstum im Dezember 2020 und 12 Prozent im Mai auf zuletzt weniger als 2 Prozent.

Natürlich könne sich all das auch wieder ändern. Die Folgen für die Unternehmen seien aber so gravierend, dass die Geschäftsleitungen eine Wiederholung der Probleme unbedingt vermeiden wollten. Dazu würden sie ihre Lieferketten restrukturieren und diversifizieren und mehr Vorprodukte vor Ort beziehen. Umfrage nach Umfrage bestätige, dass Stabilität und Berechenbarkeit jetzt wichtiger seien als Effizienzgewinne. Aus einem vorübergehenden Preisanstieg könnten dann strukturell leicht höhere Kosten werden.

Sinnvoll, notwendig - aber anders

Diese neuen Prioritäten - stabilere Lieferketten, eine nachhaltigere Wirtschaft in China, Dekarbonisierung, soziale Gerechtigkeit - erscheinen Neuberger Berman für sinnvoll und notwendig, so die Experten von Neuberger Berman. Das seien allerdings nicht die Ziele der letzten 40 Jahre. Investoren müssten sich daher genau überlegen, was zu tun sei.

Zurzeit hätten viele Unternehmen das vertragliche Recht, Kostensteigerungen weiterzugeben. Der Nachfragestau, die enormen Ersparnisse der Haushalte und die Barmittelbestände der Unternehmen würden ebenfalls zur Inflation beitragen. Ein Großteil der höheren Kosten könne an die Endverbraucher weitergereicht werden. Wenn die Inflation dann aber stärker und nachhaltiger steige als in den letzten Jahrzehnten und die Notenbanken nur langsam darauf reagieren würden, könnten sich die Nachfragemuster ändern. Viele Verträge würden dann neu verhandelt werden.

All dies habe Folgen für die Gewinne und die Kreditwürdigkeit vieler Unternehmen. Bei Neuberger Berman vermute man schon länger, dass die Anleiherenditen wohl steigen würden. Schon seit Jahresbeginn werde immer wieder betont, dass die Inflation im neuen Konjunkturzyklus und auch danach selbst dann ein wichtiges Thema bleibe, wenn die Preise in nächster Zeit recht stabil bleiben würden. Vielleicht bezeichne man die Berufseinsteiger von heute ja einmal als die Generation Inflation. (07.10.2021/alc/a/a)