Erweiterte Funktionen

Geldpolitik schaut durch Inflationsanstieg "hindurch"


02.06.21 08:45
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - In den vergangenen Monaten ist die Inflation unter anderem in den USA und der Eurozone kräftig gestiegen, gefolgt von den Inflationserwartungen (gemessen mit den fünf Jahre/ fünf Jahre Inflationsswaps), so die Analysten der Hamburg Commercial Bank.

Überrascht worden seien die Märkte insbesondere durch den kräftigen Anstieg der US-Inflationsrate, die im April auf 4,2% YoY gestiegen sei. In der Eurozone sei der Inflationsanstieg weniger ausgeprägt (April: 1,6%). Neben der US-Regierung, die ein nach Meinung einiger Ökonomen unnötig umfangreiches Konjunkturprogramm geschnürt habe, stehe die FED in der Kritik: Sie erkenne nicht die Überhitzungsgefahren und halte die Inflation für ein transitorisches Phänomen. Dies berge die Gefahr, dass man irgendwann in den nächsten Monaten umso stärker den Leitzins erhöhen müsse, was dann wiederum eine Rezession zur Folge hätte. Dieses Risiko bestehe und daher müssten die Inflationserwartungen besonders sorgfältig beobachtet werden. Noch sei man in einem Bereich, der nach Erachten der Analysten nicht beunruhigend sei.

Denn es sei zu beachten, dass es neben den Aufwärtsrisiken für die Inflation (Ausgabenprogramme, aufgestauter Konsum, Rohstoffpreisanstieg, Lieferengpässe) auch wichtige Abwärtsrisiken für die Teuerungsrate gebe:

In den USA sei man trotz des zunächst raschen Impffortschritts noch relativ weit entfernt vom Erreichen der Herdenimmunität. Die Impfbereitschaft scheine nachzulassen. Damit gehe die Gefahr einher, dass es in den nächsten Quartalen oder Jahren zu neuen Ausbrüchen komme, die die wirtschaftliche Aktivität beeinträchtigen würden.

Dämpfend auf den Preisauftrieb sollte wirken, dass weite Teile der Welt gar keine oder kaum Impffortschritte vorweisen könnten. Hier werde die wirtschaftliche Erholung noch länger dauern. Dies beeinträchtige die Weltwirtschaft insgesamt und indirekt auch die Inflation in den USA und Europa.

Schließlich sei zu berücksichtigen, dass der Nachfrageboom bei Sachgütern seine Ursache darin gehabt habe, dass die Menschen corona-bedingt nicht mehr reisen und sonstige Dienstleistungen nicht in Anspruch nehmen durften. Dies werde sich in den nächsten Quartalen umkehren. Rohstoffpreise sollten in der Folge sinken und Lieferengpässe eine geringere Rolle spielen.

Der in den letzten Monaten zu beobachtende Anstieg der Rohstoffpreise habe zu der Befürchtung geführt, dass dieser Anstieg über einen längeren Zeitraum anhalten werde und daher die Inflation dauerhaft erhöhe.

Die Analysten würden davon ausgehen, dass der Rohstoffpreisanstieg zum großen Teil temporärer Natur sei, dass aber einige ausgewählte Materialien über einen längeren Zeitraum im Preis steigen könnten, andere aber sinken würden.

Industriemetalle: Die Corona-Krise habe zu einer Verlagerung von der Dienstleistungsnachfrage zur Güternachfrage geführt. Die Folge sei ein Boom im Verarbeitenden Gewerbe gewesen, was die Preise für Rohstoffe, insbesondere Industriemetalle, in die Höhe treibe. Mit der Öffnung der Volkswirtschaften dürften die Menschen einen größeren Teil ihrer Ausgaben für Dienstleistungen verwenden und die Nachfrage nach Gütern dürfte sinken. Das sollte die Nachfrage nach Rohstoffen belasten.

Durch die Coronaviruskrise seien Lieferketten durcheinander gewirbelt worden. Container stünden nicht dort, wo sie benötigt würden, Hafenarbeiter würden wegen Coronavirusinfektionen ausfallen und andere Ereignisse, wie beispielsweise die zeitweise Blockade des Suezkanals, seien weitere Belastungsfaktoren. Dennoch fließe der Handel, wie die hohen Exportvolumina eindrucksvoll dokumentieren würden, und es sei davon auszugehen, dass die Marktkräfte in den kommenden Quartalen für einen Abbau der Ungleichgewichte sorgen würden.

Holz: Hier bestehe eine hohe Nachfrage aus China und den USA. In den USA hätten die Schließung von Sägewerken, mehr Waldbrände als üblich und ein Boom im Wohnungsbau zu hohen Holzimporten aus Europa beigetragen. Dieser Nachfrageboom sollte zyklischer Natur sein.

Allerdings sei zu erwarten, dass bestimmte Rohstoffe wie Kupfer, Aluminium, Kobalt Lithium und auch Holz aufgrund der Klimapolitik einen Superzyklus (über viele Jahre) erleben könnten. Gleichzeitig dürften energiebezogene Rohstoffe (Kohle, Rohöl) aus dem gleichen Grund unter einer über die kommenden Jahre sinkenden Nachfrage(-dynamik) leiden. (Ausgabe vom 01.06.2021) (02.06.2021/alc/a/a)