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Geld-und Fiskalpolitik gegen Rezession! Wann kommen die nächsten Maßnahmen?


02.11.20 16:30
fairesearch

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - In den letzten 13 Jahren, seit Ausbruch der Finanzkrise, haben Zentralbanken in der ganzen Welt 972 mal Leitzinsen gesenkt, mittels quantitativer Lockerungen USD 19 Billionen Wertpapiere gekauft und so Geld in die Märkte gepumpt, so Dr. Eberhardt Unger von "fairesearch".

Mittels NIRP und Beeinflussung der Renditenstrukturkurve seien USD 16,8 Billionen festverzinsliche Wertpapiere in den negativen Renditenbereich gedrückt worden. Dieses Geld habe ja irgendwohin fließen müssen. Es seien hauptsächlich die Immobilien- und Aktienmärkte gewesen. Die Märkte für E-Mail-Versandartikel würdne ein Wachstum von 35% in diesem Jahr erwarten. Amazon.com wolle in 2020 100.000 neue Mitarbeiter einstellen. Zum Vergleich: im Jahr 2012 hätten sie insgesamt nicht einmal so viel beschäftigt.

Die niedrigen Hypothekenzinsen hätten zu einem Boom in der Bauindustrie geführt. Wegen der hohen Mieten hätten Private Haushalte nicht gescheut, ihre Verschuldung für Neubauten so sehr zu erhöhen, dass es fraglich geworden sei, ob sie diese Schulden auch bei steigenden Zinsen werden verkraften könnten. Unternehmen hätten zu den wichtigsten Käufern am Aktienmarkt gezählt, sie hätten eigene Aktien oder die anderer Unternehmen, z.B von Konkurrenten erworben. Die Regierungen hätten bisher keine Neuverschuldung gescheut, um mit direkten Hilfsmaßnahmen die Lasten der Rezession zu mildern. Die Rufe nach weiteren Unterstützungen würden immer lauter.

Hintergrund für die Finanzkrise 2008 sei eine übermäßige Verschuldung aller Sektoren und abenteuerliche Finanzierungsinstrumente gewesen. Seitdem habe sich in der Richtung der eingesetzten Mittel der Geld- und Fiskalpolitik nichts geändert. Die Zentralbanken würden versuchen, mit einer ultraexpansiven Geldpolitik der Wirtschaft neue Impulse zu vermitteln. Nullzinsen (ZIRP), negative Zinsen (NIRP), quantitative Lockerungen (QE) und "unkonventionelle Maßnahmen" würden dafür eingesetzt. EZB-Präsidentin Lagarde habe jetzt ihre Entschlossenheit bekundet, im Dezember mit weiteren Hilfsmaßnahmen die Rezessionsbekämpfung zu unterstützen.

Doch wenn diese umfangreichen Maßnahmen der Geld- und Fiskalpolitik die Vertiefung der Rezession nicht hätten vermeiden können, dann erschienen weitere Schritte ihren Grenznutzen unterschritten zu haben und damit unproduktiv. Wer nicht bei 1% investiere, der mache das auch nicht bei 0%. Die Liquidität sei nur zu einem geringen Teil in die Realwirtschaft geflossen, habe aber die Vermögenspreise stark aufgebläht. Diese Vermögensinflation durch QE sei genauso nachteilig wie die Konsuminflation. Sparer würden für ihre Ersparnisse keine Zinsen mehr erhalten, was den Konsum reduziere. Langfristige Anlagen würden in realer Rechnung sogar negative Zinsen erwirtschaften, das komme einer Enteignung gleich. Der überproportionale Anstieg der Immobilienpreise erhöhe die Kreditrisiken bei einer Normalisierung der Strukturkurve. Lohnempfänger könnten bei stagnierenden Löhnen weniger Ersparnisse für die Zukunft bilden und diese nur in Investments zu überhöhten Preisen anlegen.

Die künstlich gesenkten Zinsen würden es für die Budgetpolitik viel einfacher machen, neue Schulden durch Anleihenemissionen aufzunehmen statt durch Reformen die Haushaltsdefizite zu senken. Diese seien in den Parlamenten ohnehin nicht durchzusetzen. Am deutlichsten zeige sich dies in der Südperipherie der Eurozone.

Manager von Kapitalsammelstellen (z.B. Lebensversicherungen, Pensionsfonds) müssten, um wenigstens eine geringe Verzinsung der Mittel zu erreichen, in immer riskantere Anlagen investieren.

Investments in den Schwellenländern seien bei einer Normalisierung der Zinsstruktur hohen Risiken ausgesetzt. Dies seien die wichtigsten Gründe, warum in allen Ländern die Staatsschulden immer nur wachsen würden. Auch in Deutschland habe dies die "Schwarze Null" nicht zu verhindern vermocht.

In den USA seien die Staatsschulden inzwischen auf USD 27 Billionen gewachsen, in der Eurozone (EA) auf EUR 10,9 Billionen. Die Konjunkturentwicklung in den USA nach den Präsidentschaftswahlen und in der Eurozone nach einem neuerlichen Lokdown werde eine weitere Erhöhung der Staatsverschuldung verursachen.

Folgerung: Bei einem durchschnittlichen KGV von ca. 17 für den DAX und ca. 22 für den S&P 500 seien Aktien nicht mehr grundsätzlich "billig". Bei der Aktienauswahl gelte es, auf die fundamentalen Unternehmensdaten zu achten. Die anzustrebende Normalisierung der Zinsstruktur werde an den Finanzmärkten hohe Volatilität verursachen. Das höchste Risiko stecke in denlang laufenden Anleihen. Edelmetalle würden eine attraktive Alternative bleiben. (02.11.2020/alc/a/a)