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Fundamentalwerte lösen allmählich Geldpolitik als primäre Markttreiber ab


13.06.17 11:15
GAM

Berlin (www.anleihencheck.de) - Weil die Voraussetzungen für eine deutliche Abkehr von der expansiven Geldpolitik nach der Finanzkrise allmählich gegeben sind, können die Fundamentaldaten nach Meinung von Adrian Owens, Investment Director bei GAM, wieder zum primären Treiber von Kursbewegungen werden.

Owens halte die Bewertungen in der Eurozone und in anderen Ländern in vielen Fällen mittlerweile für extrem teuer. Zahlreiche Märkte würden noch immer eine Fortsetzung der ultraexpansiven Geldpolitik vorwegnehmen. Wie es scheine, habe dies einige sehr attraktive und asymmetrische Anlagechancen geschaffen, insbesondere für diskretionäre Makrostrategien.

Die globale Finanzkrise sei von vielen als Einschnitt betrachtet worden, der das Ende des Kapitalismus, wie man ihn kennen würde, markieren könnte. Auch an den Finanzmärkten deute vieles daraufhin. "Die Wertpapierkurse können schon seit geraumer Zeit ihr eigenes Gleichgewicht nicht mehr finden, und die Zentralbanken haben durch ihre Manipulation der Renditekurve und das erzwungene Verharren der Zinssätze in einem Zustand des Ungleichgewichts Verzerrungen unter den Anlageklassen geschaffen", betone Owens.

Zumindest vordergründig hätten sich viele Entscheidungen der Zentralbanker auf deren häufig einseitiges Mandat gestützt, die Inflation im Zielbereich zu halten. Während viele ihrer zielgerichteten Maßnahmen das angestrebte Ergebnis nicht hätten erreichen können, sei in anderen Bereichen eine inflationäre Entwicklung zu beobachten gewesen, insbesondere im Wohnbau und bei Finanzwerten. "Einige Zentralbanker sind anscheinend besser in der Lage, das Gesamtbild zu sehen, als andere", betone Owens. Statt einzuräumen, dass die Höhe der Zinssätze möglicherweise nicht richtig sei, versuchten die geldpolitischen Entscheidungsträger, die Symptome zu bekämpfen statt der Ursachen.

"In ähnlicher Weise konzentrierten sich die vorausschauenden Zielsetzungen auf die Arbeitslosenquoten, und die Zielvorgaben wurden ständig verändert", befinde der Experte. Vor zwei Jahren etwa habe die beste Schätzung der US-Notenbank für die Vollbeschäftigung zwischen 5,2% und 5,6% gelegen. Als die Arbeitslosigkeit jedoch weiter abwärts tendiert habe, während kaum Anzeichen für einen Lohndruck zu erkennen gewesen wären, seien diese Schätzungen kontinuierlich gesenkt worden. Owens kommentiert: "Wir haben ein gewisses Verständnis für das Argument, dass die Vollbeschäftigung nicht beobachtbar ist. Wenn wir aber warten, bis das Lohnwachstum deutlich anzieht, ist es unweigerlich zu spät, die Zinssätze auf eine behutsame Weise anzuheben, die den Konjunkturzyklus verlängert."

Weil die Konjunkturerholung immer deutlicher zutage trete, hätten die Anleger angefangen, sich entsprechend vorzubereiten. "In vielen Fällen haben sie ihr Zinsengagement reduziert und damit begonnen, ihre Anlagen anzupassen, sodass diese eine Welt widerspiegeln, in der das Deflationsrisiko abgenommen hat", erkläre Owens.

Immer wieder jedoch hätten sich die Zentralbanken so verhalten, als wäre eine Deflation nach wie vor die größte Gefahr, die immer noch Notmaßnahmen erfordere. Infolge dieser Maßnahmen befänden sich die ursprünglich auf eine Zurücknahme der expansiven Geldpolitik eingestellten Anleger häufig auf der falschen Seite der Marktbewegungen. Die Märkte würden folglich nicht von der Verbesserung der Konjunkturdaten angetrieben.

Von einer langfristigen Deflation sei in letzter Zeit kaum mehr die Rede. Vielmehr deute immer mehr darauf hin, dass der Konjunkturzyklus andauere. Die geldpolitischen Entscheidungsträger, die Owens zufolge selten am schnellsten reagieren würden, wenn es darum gehe, den Geldhahn zuzudrehen, seien ebenfalls aufmerksam geworden. Sie räumten zunehmend ein, dass die Kosten der gegenwärtigen Geldpolitik allmählich die Vorteile überwiegen würden: "In den USA und den meisten Ländern Europas liegt das Wachstum jetzt über dem Trend, und die Inflation hat das Ziel erreicht oder ist kurz davor. Ein zusätzlicher Bonus sei das offenbar synchronisierte Wachstum in den größeren Regionen."

Die Verbesserung der Fundamentaldaten könne nur begrenzte Zeit fortdauern, bevor selbst die moderatesten Zentralbankvertreter reagieren müssten. Diese Verbesserungen seien bereits seit zwei Jahren zu beobachten. Jedoch hätten die immer negativeren Zinssätze - in der Eurozone und in anderen Ländern - die Märkte davon abgehalten, ein Gleichgewicht zu finden, so Adrian Owens. (13.06.2017/alc/a/a)