Erweiterte Funktionen

Flexibles Inflationsziel: Die EZB dürfte der FED folgen


02.09.20 11:45
Merck Finck Privatbankiers

München (www.anleihencheck.de) - Die US-Notenbank hat bei ihrem Treffen in Jackson Hole mit der Flexibilisierung ihres Inflationsziels auf jetzt durchschnittlich zwei Prozent über einen längeren Zeitraum ihr Zielgerüst neu ausgerichtet, so Robert Greil, Chefstratege bei der Merck Finck Privatbankiers AG.

Diesem Schritt dürften in ähnlicher Weise nicht nur die Europäische Zentralbank (EZB), sondern auch zahlreiche weitere Notenbanken folgen. Unterm Strich eröffne sich die FED mit ihrer Neuausrichtung die Möglichkeit, selbst im Falle von US-Inflationsraten über zwei Prozent noch expansiv zu agieren, sollte sie dies für nötig halten. Während sie bei der alten Zielformulierung bei anziehender Inflation zum Gegensteuern gezwungen gewesen wäre, werde sie damit in Zukunft flexibler.

Die EZB dürfte in eine ähnliche Richtung gehen. Allerdings würden die Experten damit rechnen, dass sie zuerst ihre laufende Strategieüberprüfung abschließen werde, bevor sie eine solch wichtige Anpassung kommuniziere. Da sie auch eine grundsätzlich bessere Kommunikation anstrebe, dürfte die Bekanntgabe des künftigen Inflationsziels zu einer Art Nagelprobe für die EZB werden.

Das Grundproblem bleibe allerdings: Die EZB sei in ihren weiteren Handlungsmöglichkeiten eingeschränkter als die US-Notenbank. Eine zusätzliche Senkung der bereits niedrigen bzw. negativen Leitzinsen würde den Finanzsektor noch mehr beschädigen. Und eine weitere Ausweitung der Anleihekäufe würde auf erhebliche politische Widerstände treffen.

Die niedrigen Euro-Inflationserwartungen der Marktteilnehmer würden genau das widerspiegeln. Der Markt rechne nicht damit, dass die EZB mit ihren Bemühungen erfolgreich sei. Zwar könnte auch die FED dabei scheitern, die Inflation zu beleben, doch ihr traue der Markt im Augenblick mehr zu. Jedenfalls seien Amerikas Inflationserwartungen seit der Neuausrichtung des FED-Ziels bereits spürbar gestiegen.

Was bedeute das für Investoren? Steigende Inflationstendenzen würden gerade in den USA inflationsgeschützte Anleihen in den Blickpunkt rücken lassen. Zudem würden damit fallende US-Realzinsen den US-Dollar belasten. Der Euro dürfte nicht zuletzt daher bis Ende nächsten Jahres in Richtung seiner Kaufkraftparität bei etwa 1,25 US-Dollar je Euro an Wert gewinnen. Für die Exporteure in der Eurozone wäre das zwar keine gute, aber auch keine dramatische Entwicklung.

So oder so sorge die Anpassung der Inflationsziele, die auch von zahlreichen anderen Notenbanken zu erwarten sei, dafür, dass die Realzinsen für längere Zeit niedrig bleiben oder noch weiter sinken würden. Immerhin: Für die Aktienmärkte bedeute das höhere Barwerte der künftigen Gewinne und damit weitere Unterstützung. (02.09.2020/alc/a/a)