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Fiskalpolitik bleibt weltweit im Schuldenrausch


10.09.20 09:00
StarCapital

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Kann das gut gehen? - Diese Frage stellen sich aktuell viele Marktbeobachter, so Dr. Manfred Schlumberger, Leiter Portfoliomanagement von StarCapital.

Der US-Aktienmarkt habe jüngst wieder historische Höchststände erreicht und der DAX habe die Marke von 13.000 Punkten überwunden. Gleichzeitig befinden wir uns in der tiefsten Rezession der Nachkriegszeit und der Corona-Virus ist weiter unter uns, so die Experten von StarCapital.

Für dieses Jahr müsse von einem Gewinnrückgang von 20% gegenüber dem Vorjahr in den USA und 35% in Europa ausgegangen werden. Dies hebe die Kurs-Gewinn-Verhältnisse weltweit über die historischen Durchschnitte. Ein Phänomen, dass allerdings typisch für Rezessionen sei. Drastische Gewinneinbrüche hätten jedoch nicht alle Unternehmen zu verzeichnen gehabt. Viele Titel aus dem Technologie- und Gesundheitssektor hätten sogar vom Corona-Virus profitiert. So hätten allein fünf große US-Technologieaktien - Alphabet, Amazon, Apple, Facebook und Microsoft - gleich gewichtet an die 50% an Wert seit Jahresbeginn zulegen können. Deshalb verwundere es nicht, dass diese "Fantastischen Fünf" zwischenzeitlich einen Anteil von 25% am S&P 500 und 50% am NASDAQ 100 ausmachen würden. 94% der US-Aktien hätten es aber nicht geschafft, neue historische Höchststände zu erreichen.

Unter der Annahme, dass die Gewinnprognosen der Analysten für 2021 stimmen würden, würde der NASDAQ 100 ein KGV von 33 aufweisen. Das sei hoch, aber verglichen mit März 2000 relativ niedrig! Damals habe das KGV bei 165 gelegen und viele Tech-Unternehmen hätten kein Geld verdient. Sei 2000 die Hausse wegen der zu hohen Bewertung zu Ende gegangen? Nein, die US-Notenbank sei mit Zinserhöhungen der Auslöser für das Platzen der Tech-Blase gewesen! In der Baisse hätten dann allerdings hohe Bewertungen für heftige Kurseinbrüche gesorgt.

Der Aktienmarkt gehe davon aus, dass es nicht zu erneuten weitreichenden Lockdown-Maßnahmen der Regierungen zur Bekämpfung des Corona-Virus komme. Darüber hinaus werde der Markt von der Erwartung getragen, dass in absehbarer Zeit (Jahresanfang 2021) einer oder mehrere Impfstoffe zur Verfügung stünden.

Würden diese Hoffnungen enttäuscht, sei ein heftiger Aktieneinbruch unausweichlich. Würden sich die Anzeichen verstärken, dass in Kürze ein Impfstoff zur Verfügung stehe, werde der Aktienmarkt schnell an Breite gewinnen. In diesem Fall würden die nach wie vor niedrig bewerteten Zykliker, also konjunktursensitive Value-Werte, massiv Fahrt aufnehmen. Die Aktienmarkt-Hausse könnte sich dann nochmal dramatisch beschleunigen. In diesem Szenario würden vor allem auch die immer noch schwachen europäischen Aktienmärkte stark outperformen. Insbesondere der DAX mit seinen vielen zyklischen Titeln würde in neue Dimensionen vorstoßen.

Die US-Notenbank habe kürzlich ihr Inflationsziel überarbeitet. Sie strebe jetzt nur noch im längerfristigen Durchschnitt eine Inflationsrate von 2% an. Da sie seit Jahren das 2%-Ziel verfehle, bedeute das mit anderen Worten, dass sie auch Inflationsraten von 3% bis 4% akzeptieren werde, ohne die Leitzinsen zu erhöhen. Das sei keine gute Nachricht für die Rentenmärkte gewesen, aber durchaus für Sachwerte wie Aktien, Immobilien und Edelmetalle. Die Geldflutung der Notenbanken werde also weiter die Vermögenspreise nach oben treiben. Den Zinsanstieg am langen Ende der Rentenmärkte würden aber die Notenbanken mit ihren Anleihekäufen limitieren.

Darüber hinaus bleibe die Fiskalpolitik weltweit im Schuldenrausch. Man müsse von einem Anstieg der Staatsverschuldung bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 25% ausgehen. Selbst ehemalige Musterknaben wie Deutschland seien konvertiert und würden die Staatsverschuldung binnen eines Jahres von unter 60% auf über 80% des BIP katapultieren: Das helfe der Konjunktur und den Kapitalmärkten! Die Absicht der FED, höhere Inflationsraten zuzulassen, könnte den Euro gegenüber dem US-Dollar dauerhaft über die Marke von 1,20 heben. Auch dies würde Aktieninvestments im Euroraum noch attraktiver machen.

Kurskorrekturen bis zu 10 Prozent seien angesichts verschlechterter Markttechnik und der eher positiven Stimmung an den Aktienmärkten jederzeit möglich. Solange die Börsen von einem wirksamen Impfstoff auf Sicht der nächsten sechs Monate ausgehen würden und diese Hoffnung nicht begraben müssten, sei ein Ende der im April begonnenen Hausse nicht zu erwarten. (10.09.2020/alc/a/a)