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Fiskalische und monetäre Klimapolitik müssen sich gegenseitig verstärken


22.07.21 10:45
Degroof Petercam

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Die Europäische Kommission kündigte das Programm "Fit for 55" an, mit dem die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 55% gesenkt werden sollen, wobei das Jahr 1990 als Basis dient, so Peter De Coensel, CIO Fixed Income, DPAM.

Bis 2019 habe die EU ihre Emissionen bereits um 24 % gegenüber 1990 gesenkt. Somit würde der Plan eine weitere Senkung um 31% in den nächsten neun Jahren bedeuten. Dieser schlage zwölf Maßnahmen vor, die auf die Bereiche Energie, Industrie, Verkehr und Gebäudeheizung abzielen würden. Industrie und Haushalte würden ermutigt, auf einen grüneren Energiemix umzusteigen. Dazu zähle ein weltweit einzigartiges Grenzzollsystem, das Importe von CO2-emissionsintensiven Gütern wie Stahl und Zement, die außerhalb der EU produziert würden, besteuere.

Die Verhandlungen würden mindestens zwei Jahre andauern. Der Ehrgeiz trete hier in den Hintergrund, trotz inspirierender Vorschläge wie einem Verkaufsverbot für neue Autos mit Verbrennungsmotor bis 2035. In Bezug auf national festgelegte Beiträge bis Ende 2020 würden bei der UN die Alarmglocken läuten. Die vielversprechenden Maßnahmen der USA, Chinas und der EU würden bei weitem nicht ausreichen, um das Ziel des Pariser Abkommens zu erreichen.

Der Weltklimarat (IPCC) fordere einen globalen Emissionsrückgang von 45% im Jahr 2030 gegenüber dem Stand von 2010, um bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen und die globale Erwärmung auf etwa 1,5°C zu begrenzen. Scheinbar würden einzelne Länder und Regionen mit den Basisjahren jonglieren. Die Bestrebungen würden sich je nach Reduktionszielen unterscheiden, die von den Basisjahren 1990, 2010 oder 2016 ausgehen würden. Die Ambitionen zur Treibhausgasreduktion sollten sowohl in absoluten Zahlen als auch in Form eines Pro-Kopf-Fußabdrucks angegeben werden. Momentan würden die globalen Treibhausgasemissionen noch ansteigen. Alles hänge von der strikten Umsetzung der nationalen Ziele in allen Regionen ab, wobei das UN-Konzept des "fairen Anteils" zum Tragen kommen müsse, das die Messlatte für die Industrieländer gegenüber den Schwellenländern höher lege.

Bezogen auf den Pro-Kopf-Ausstoß würden China und die USA mit etwa 40% der globalen Treibhausgasemissionen eine hohe Verantwortung tragen. Weitere Updates zu den nationalen Zielen vor dem COP26-Gipfel in Glasgow Ende dieses Jahres sollten zu erwarten sein. Leider würden die aktuellen nationalen Werte zeigen, dass man sich auf einem Pfad von etwa 1% der Treibhausgas-Reduktionen bis 2030 befinde, im krassen Gegensatz zu den vom Weltklimarat geforderten 45%. Diese Zahl steige auf 25%, wenn man unter einem Anstieg der globalen Erwärmung von 2°C bleiben wolle. 55% seien immer noch ein Kompromiss, da die Europäische Union um etwa weitere 10% reduzieren sollte (d.h. 65% gegenüber dem Niveau von 1990 oder etwa 60% gegenüber dem Niveau von 2010), um die Ziele des Pariser Abkommens einzuhalten.

Die Steuerung des Klimawandels in den Händen der politischen Elite sei fragil und anfällig für Schlupflöcher. Die Einführung einer Fiskalpolitik, die Risikominderung und Verhaltensänderungen in Umweltfragen unterstütze, sei eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung! Der Einsatz der Geldpolitik könne die Erfolgswahrscheinlichkeit aber erhöhen. Die EZB, die Bank of England und seit letzter Woche auch die Bank of Japan hätten das Klimarisiko in ihren Policy-Mix mit aufgenommen. Zentralbanken könnten die Finanzierungskanäle von Regierungen und Unternehmen auf globaler Ebene steuern. In dem Moment, in dem die Finanzierungskosten für "Enabler", die den ökologischen Fortschritt fördern bzw. anführen würden, attraktiv würden, sollten nachzüglerische Unternehmen und Regierungen anfangen, aufmerksam zu werden. In vielen Fällen könnte die Umwelt zu einem strategischen "Ziel Nr. 1" werden.

Dazu könnte die Geldpolitik auch die Finanzierung bestehender oder zukünftiger Unternehmungen erleichtern, die Innovationen im Allgemeinen oder technologische Durchbrüche im Besonderen vorantreiben würden. Fiskalische und monetäre Klimapolitik sollten sich gegenseitig verstärken. Angesichts der oben erwähnten gigantischen Herausforderungen würden maßvolle Finanzierungskosten erforderlich. Da die Bühne global sei, glaube Peter De Coensel, dass sich die langfristigen Zinssätze über einen Horizont bis 2030 auf einem Konvergenzpfad befinden würden. Ein Pfad, der die Renditen für Staatsanleihen wie auch für Unternehmensanleihen auf dem aktuellen Niveau verankere.

Mittelfristig betrachtet sei ein kürzerer Konjunkturzyklus nötig, während die COVID-19-Pandemie besiegt werde. Die globale Wiedereröffnung der Wirtschaft habe viel Reibung in den Nachfrage- und Lieferketten verursacht. Sie hätten jedoch eine erstaunliche Widerstandsfähigkeit bzw. Fähigkeit, sich wieder zu erholen gezeigt. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Produktionslücken schließen würden, bestimme auch, wie früh der Zyklus ende. Es sei zu erwarten, dass eine Überhitzung zu einer verantwortungsvollen Straffung der Geldpolitik in den Industrie- und Schwellenländern führen werde. Letzte Woche habe Neuseeland sein Programm quantitativer Maßnahmen beendet, weitere Industrieländer würden folgen.

Die FED werde bis zum Ende des Sommers einen "Tapering-Beginn Anfang 2022" ankündigen. Dies korrespondiere mit der Hausse an den Anleihenmärkten in den letzten anderthalb Monaten, in denen die US- und schließlich auch die EU-Anleihenmärkte den "kurzen Zyklus" als Basisszenario gewählt hätten. Dabei sei zu erwarten, dass ein vollständiger Zinserhöhungszyklus im Vergleich zu den letzten 40 Jahren eher bescheiden ausfallen werde. Der endgültige Leitzins der FED werde nicht bei 2,25% bis 2,50%, sondern möglicherweise "nur" zwischen 1,25% und 1,50% liegen. Dies könnte die positive Entwicklung am US-Staatsanleihenmarkt erklären und stehe auch in Verbindung mit den oben genannten längerfristigen Herausforderungen.

Fiskalisch unterstützende Umweltinvestitionen würden im normalen Finanzjargon einen niedrigen "Return on Investment" erzielen, aber einen hohen Mehrwert für die Menschen und den Planeten. Die Erzwingung negativer Realrenditen auf der globalen Investitionsszene sei ein Nebenprodukt dieser komplexen Realität.

Kurzfristige Faktoren, die eine Marktkorrektur auslösen könnten, seien indes am einfachsten auszumachen: Die Märkte würden erneute COVID-Wellen als "Tail-Risk" behandeln. In dem Moment, in dem dies das Basisrisiko ablöse, könnte die Korrektur scharf ausfallen. Die Impfquoten seien in einigen entwickelten Ländern unzureichend und in den Schwellenländern eigentlich nicht vorhanden. Eine weltweite Massenimpfung werde jedoch irgendwann zu einer Herdenimmunität führen und COVID-19 auf den Status einer Grippe abwerten. (22.07.2021/alc/a/a)