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Fehlentwicklungen durch QE


13.11.17 09:45
fairesearch

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Zehn Jahre ist es jetzt her, seit die Weltwirtschaft in 2008 in die größte Krise seit den 1930er Jahren stürzte, so Dr. Eberhardt Unger von "fairesearch".

Hintergrund sei eine übermäßige Verschuldung und abenteuerliche Finanzierungsinstrumente gewesen. Seitdem würden die Zentralbanken versuchen, mit einer ultra-expansiven Geldpolitik der Wirtschaft neue Impulse zu vermitteln. Nullzinsen (ZIRP), negative Zinsen (NIRP), quantitative Lockerungen (QE) und "unkonventionelle Maßnahmen" seien dafür eingesetzt worden. Als Folge von QE seien die Bilanzen der FED, EZB und BoJ seit 2008 um ca. USD 9 Billionen gestiegen. Für die Jahre 2017 und 2018 prognostiziere der IWF ein Weltwirtschaftswachstum von 3,5% und 3,6%.

Fraglich bleibe, ob die jetzige Konjunkturerholung nicht auch ohne dieses Ausmaß an Lockerungen aufgrund der Selbstheilungskräfte eingetreten wäre. Die negativen Entwicklungen seien inzwischen nicht zu übersehen. Offensichtlich falle es den Zentralbanken sehr schwer, wieder zu einer "normalen" Geldpolitik zurückzukehren, die weder expansiv noch restriktiv wirke. Die Fehlentwicklungen hätten sich dadurch weiter verstärkt. Die globalen Schulden seien im vorigen Jahr nach Berechnung des Institute of International Finance (IIF) um USD 500 Mrd. auf USD 217 Billionen gestiegen und würden rund 327% der Weltwirtschaftsleistung betragen. Ein Deleveraging der Kreditblase habe überhaupt nicht stattgefunden.

Doch wohin sei die Geldschwemme geflossen? In erster Linie in die Geldmärkte, danach in die Rentenmärkte mit immer längeren Laufzeiten. Im Zehnjahresbereich "verdienen" die Renditen kaum noch die Teuerungsraten. Die Renditen der Regierungsanleihen seien nur in den USA ein wenig höher als die durchschnittlichen Dividendenrenditen. Dort habe die FED mit der Normalisierung der Strukturkurve schon angefangen. An den übrigen Märkten mache diese Konstellation die Aktienmärkte kurzfristig interessanter als die Rentenmärkte. Doch Vorsicht: Bei der angestrebten Normalisierung der Strukturkurven würden die Rentenrenditen mittelfristig wieder anziehen. Dann würden nicht nur die Rentenkurse fallen, die Aktienmärkte würden höheren Belastungen ausgesetzt.

Eine weitere Fehlentwicklung sei bei der Käuferstruktur der Aktienmärkte zu beobachten. Seit den Kurstiefständen hätten sich die Aktienbestände in den USA bei den privaten Haushalten und den ausländischen Anlegern so gut wie nicht verändert. Verkäufer seien die institutionellen Anleger gewesen. Als Käufer hätten sich die nicht-finanziellen Unternehmen gezeigt. Anstelle von Erweiterungs- oder Rationalisierunginvestitionen hätten sie eigene Aktien oder die von anderen Unternehmen gekauft.

Die Liquidität sei nur zu einem geringen Teil in die Realwirtschaft geflossen, habe aber die Vermögenspreise stark aufgebläht. Diese Vermögensinflation durch QE sei genauso nachteilig wie die Konsuminflation. Sparer würden für ihre Ersparnisse keine Zinsen mehr erhalten, was den Konsum reduziere. Langfristige Anlagen würden in realer Rechnung sogar negative Zinsen erwirtschaften, das komme einer Enteignung gleich. Der überproportionale Anstieg der Immobilienpreise erhöhe die Kreditrisiken bei einer Normalisierung der Strukturkurve.

Lohnempfänger könnten bei stagnierenden Löhnen weniger Ersparnisse für die Zukunft bilden und diese nur in Investments zu überhöhten Preisen anlegen. Die künstlich gesenkten Zinsen würden es für die Budgetpolitik viel einfacher machen, neue Schulden durch Anleihenemissionen aufzunehmen statt durch Reformen die Haushaltsdefizite zu senken. Am deutlichsten zeige sich dies in der Südperipherie der Eurozone. Manager von Kapitalsammelstellen (z.B. Lebensversicherungen, Pensionsfonds) müssten, um wenigstens eine geringe Verzinsung der Mittel zu erreichen, in immer riskantere Anlagen investieren. Investments in den Schwellenländern seien bei einer Normalisierung der Zinsstruktur hohen Risiken ausgesetzt.

Bei einem durchschnittlichen KGV von 14 für den DAX und 18 für den S&P 500 seien Aktien nicht mehr grundsätzlich "billig". Bei der Aktienauswahl gelte es, auf die fundamentalen Unternehmensdaten zu achten. Die angestrebte Normalisierung der Zinsstruktur werde an den Finanzmärkten hohe Volatilität verursachen. Das höchste Risiko stecke in den lang laufenden Anleihen. (Ausgabe vom 12.11.2017) (13.11.2017/alc/a/a)