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FOMC-Zinspolitik: Statt "Low for longer", nun quasi "Low for ever"!


17.09.20 10:45
Nord LB

Hannover (www.anleihencheck.de) - Bei der Sitzung der US-Notenbank am gestrigen Mittwoch stand der vor zwei Wochen von Jerome Powell verkündete Strategieschwenk im Fokus, so Bernd Krampen von der NORD/LB.

Dabei sei es um eine Konkretisierung des angepassten "flexiblen durchschnittlichen Inflationsziels" von 2% gegangen. Zudem habe es aktualisierte Projektionen gegeben - erstmals bis 2023. Die obere Bandbreite des Leitzinses verbleibe erwartungsgemäß bei 0,25%. Es sei die letzte FOMC-Sitzung vor der Präsidentschaftswahl am 3. November gewesen.

Im Statement sei eine Vielzahl von Änderungen vorgenommen worden, die aber vor allem die Neuausrichtung beinhaltet habe: Der Leitzins werde bei 0,25% bleiben, solange bis "maximale Beschäftigung" erreicht sei sowie die Inflation "über 2% gestiegen ist und diese Marke moderat für eine gewisse Zeit übertroffen wird". Diese Aussage lasse der FED zukünftig viel Spielraum bei der Argumentation. In jedem Fall werde die Notenbank über Basiseffekte oder Sondereffekte bei der Preisentwicklung geflissentlich hinwegsehen können. Inflationsdaten könnten bis knapp 3% quasi zur Seite geschoben werden. Aktuell werde diese Neuausrichtung die Märkte kaum beeindrucken, da das Thema wohl eher Disinflation als Inflation sei. In einigen Jahren könne es aber ein Spiel mit dem Vertrauen werden, wenn ein Gegensteuern der Federal Reserve (zu) lange unterlassen werde.

Die aktualisierten Projektionen würden anzeigen, dass der Median der FOMC-Mitglieder bis einschließlich 2023 keine Zinsänderung sehe: Nur vier von 17 würden eine Zinsanhebung bis Anfang 2024 erwarten. Die Zinsprojektionen seien damit im Grunde absehbar irrelevant und aussagelos geworden. Zu diesem Zeitpunkt werde die Inflation bei 2% und die Arbeitslosenquote bereits wieder bei 4% erwartet.

Auf der anschließenden Pressekonferenz habe Jerome Powell angemerkt, dass die konjunkturelle Erholung schneller gelungen sei als allgemein erwartet worden sei, gleichzeitig sei der weitere Weg völlig unsicher. Zur Neuausrichtung habe Jerome Powell tendenziell dovishe Aussagen gemacht. So scheine die Notenbank so lange eine expansive Geldpolitik anzustreben, bis auch der letzte durch die Krise arbeitslos gewordene wieder eine Beschäftigung finde. Dabei habe Powell betont, dass der Arbeitsmarkt - im Gegensatz zur Inflation - nicht auf eine einzelne Zahl reduziert werden könne. Das eröffnet unseres Erachtens natürlich perspektivisch völlige Freiheit beim Handeln: Einzig die Inflationsrate sollte nicht mehrere Quartale deutlich über 2% liegen, ansonsten wird die FED einfach abwarten, so die Analysten der NORD/LB.

Weiterhin laute das Motto für die Geldpolitik, alles zur Bekämpfung der Krise zu tun. Insbesondere beobachte sie, was die Fiskalpolitik zustande bringe. Doch die Verhandlungen über die bereits vor Wochen ausgelaufenen Unterstützungsprogramme für vom Coronavirus betroffene Beschäftigten würden stocken. Kompromisse im Kongress seien bisher nicht zu finden. So müssten viele der als arbeitslos gemeldeten Bürger auf staatliche Unterstützung verzichten. Wem werde dafür der schwarze Peter zugeschoben? Zur Präsidentschaftswahl am 3. November könne das Volk darüber urteilen.

Die US-Notenbank habe auf ihrem gestrigen Treffen die bereits angekündigte Neuausrichtung nun auch amtlich vollzogen: Zur Bekämpfung der Krise würden die Zinsen unverändert bei 0,25% belassen, bis eine "maximale Beschäftigung" erreicht sei sowie die Inflation auf dem Weg sei, "für einige Zeit" das Ziel von 2 Prozent "moderat zu überschreiten". Die aktualisierten Zinsprojektionen würden anzeigen, dass der Median der FOMC-Mitglieder keine Zinsänderung bis Ende 2023 sehe: Nur vier von 17 würden eine Zinsanhebung in 2023 erwarten. Zu diesem Zeitpunkt sähen die FOMC-Mitglieder die Inflation bei 2% und die Arbeitslosenquote bereits wieder bei 4%. Letztlich eröffne dieser vollzogene Strategieschwenk nahezu völlige Handlungsfreiheit für die FED auf unbestimmte Zeit, da die Faktoren für ein Handeln so vage formuliert worden seien, dass sie viel Interpretationsspielraum erlauben würden. Aktuell dürfte es im Grunde realwirtschaftlich noch wenig Implikationen haben - langfristig setze die FED nun aber ihr in sie gesetztes Vertrauen in die Waagschale. Das sei mittlerweile ja auch das Wichtigste, was sie habe! Statt "Low for longer" heiße es nun quasi fast schon "Low for ever". (17.09.2020/alc/a/a)