FED knüpft Leitzinsen an Inflationsraten über 2%


17.09.20 09:30
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Die Mehrheit der Mitglieder des Offenmarktausschusses der US-Notenbank Federal Reserve sieht in den kommenden Jahren keinen Grund die Leitzinsen vom aktuellen Niveau zu erhöhen, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Aktualisierte Wirtschaftsprognosen würden die Bandbreite der Federal Funds Rate auch am Ende des Prognosehorizonts 2023 unverändert zwischen 0% und 0,25% zeigen. Die Forward Guidance sei jedoch geschärft worden. Das aktuelle Niveau der Leitzinsen werde als adäquat erachtet, bis der Arbeitsmarkt Vollbeschäftigung erreicht habe, die Inflationsrate bei 2% liege und ein moderates Überschießen der Inflationsrate in Aussicht stehe. In diesem Sinne sei die strategische Neuausrichtung der langfristigen Ziele von Jackson Hole im aktuellen geldpolitischen Kurs verankert worden.

Im Unterschied zur Änderung der Forward Guidance zu den Leitzinsen sei die Forward Guidance zur Bilanzpolitik (QE) nicht verändert worden. Mindestens das aktuelle Ausmaß der Netto-Anleihekäufe (Staatsanleihen: USD 80 Mrd., MBS: USD 40 Mrd.) werde weiter monatlich durchgeführt, um das reibungslose Funktionieren der Märkte sicherzustellen sowie Finanzierungskondition zu lockern. In Hinblick auf die Einschätzung der konjunkturellen Lage und des mittelfristigen Ausblicks würden die aktualisierten Wirtschaftsprognosen vor allem eine besser als zuletzt erwartete Situation im laufenden Jahr zeigen. Das BIP-Wachstum sei auf -3,7% (Q4/Q4) revidiert worden und auch die Lage am Arbeitsmarkt werde positiver beurteilt. In Hinblick auf die Inflationsentwicklung zeige sich die Federal Reserve optimistischer, wenn auch das Erreichen der 2%-Marke erst im Jahr 2023 erwartet werde und ein Überschießen erst später möglich sei.

Renditen auf US-Staatsanleihen seien im Zuge der Zinssitzung gestiegen, insbesondere Renditen längerer Laufzeiten, was zu einer steileren Renditestrukturkurve geführt habe. Der US-Dollar habe gegenüber den Euro aufgewertet. Beide Finanzmarktbewegungen seien jedoch verhalten gewesen, sodass sowohl Treasury-Renditen als auch der US-Dollar innerhalb der Bandbreite der letzten Wochen gehandelt hätten. Die geringe Marktreaktion bestätige, dass die getätigten Maßnahmen der Federal Reserve weitgehend erwartet worden seien.

Die Zinssitzung habe die erwartete Implementierung der Verlautbarungen aus Jackson Hole sowie aktualisierte Wirtschaftsprognosen erbracht, welche Aufwärtsrevisionen für das Jahr 2020 zeigen aber dennoch einen gedämpften mittelfristigen Ausblick widerspiegeln würden. Wie FED-Präsident Powell in der Pressekonferenz selbst zugestanden habe, sollten die Änderungen nicht überraschen. Mit der Wahl einer ergebnisorientierten Forward Guidance seien wohl alternative Varianten, die innerhalb des Offenmarktausschusses während den letzten Monaten diskutiert worden seien (zeitabhängige Forward Guidance und Renditeobergrenzen) wohl endgültig vom Tisch. Die gewählte Variante, welche drei Konditionen umfasse (Vollbeschäftigung, Erreichen der 2%-Inflationsmarke, Ausblick eines moderaten Überschießens der Inflationsrate), gebe zweifelsohne mehr Klarheit. Explizitere Äußerungen dazu, was als moderates Überschießen verstanden werde und für welche Dauer ein solches angestrebt werde, sei Powell jedoch schuldig geblieben und habe sich selbst auf Nachfragen keine Details entlocken lassen

Aufgrund der geringen Erfahrung mit dem neuen Ansatz eines durchschnittlichen Inflationsziels gewähre man sich diesbezüglich Flexibilität. Unabhängig davon suggeriere die gewählte Forward Guidance eine lange Phase unterstützender Geldpolitik, was vom Markt auch so gepreist werde. In einer ersten Phase werde der Arbeitsmarkt im Fokus stehen, da ein rasches Erreichen der Vollbeschäftigung nicht zu erwarten sei. Erst dann werde in einer zweiten Phase die Inflationsrate stärker an Bedeutung gewinnen und die nötige Dynamik von über 2% p.a. aufweisen werden müssen, um eine geldpolitische Normalisierung der Leitzinsen einzuleiten. Vier Mitglieder des Offenmarktausschusses würden eine erste Leitzinsanhebung im Jahr 2023 erwarten, während die restlichen 13 Mitglieder diese erst zu einem späteren Zeitpunkt prognostizieren würden. Da nun der erwartete Leitzinspfad klar an den Konjunkturverlauf (Arbeitsmarkt und Inflation) geknüpft sei, werde sich die Federal Reserve in nächster Zeit stärker auf die Forward Guidance der Bilanzpolitik sowie die Notfall-Programme konzentrieren. Setze sich die Erholung weiter fort, wenn auch mit geringerem Tempo, würden Spekulationen um eine bevorstehende Reduktion der Netto-Anleihekäufe der FED zunehmen.

Die Analysten der RBI sähen demnach eine Spezifizierung der Forward Guidance der Bilanzpolitik als nächsten Schritt der FED, wobei sie auch hier eine Betonung einer sehr langen Phase unterstützender QE-Maßnahmen als wahrscheinlich erachten würden. In Hinblick auf die Notfall-Programme seien ebenso kleinere Anpassungen zu erwarten, sei die Auslastung insbesondere im Main Street Lending Programm bislang doch sehr gering. (Ausgabe vom 16.09.2020) (17.09.2020/alc/a/a)