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Die FED handelt, die EZB wird folgen


06.05.22 09:30
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die zehnjährigen T-Notes kämpfen mit der 3%-Marke, während die entsprechenden Bunds Probleme kurz davor zu sein scheint, die 1%-Marke zu überwinden, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Letztlich scheine dies aber nur eine Frage der Zeit zu sein und die Entscheidung der FED von 04.05., den Leitzins stärker als sonst üblich um 50 Basispunkte auf die neue Zielbandbreite von 0,75% bis 1,00% anzuheben, unterstreiche diese These. Dies gelte umso mehr, als der US-Notenbankpräsident Jerome Powell kaum Zweifel daran gelassen habe, dass 50 Basispunkte die neuen 25 Basispunkte seien, sprich: In der derzeitigen Situation werde eine Anhebung des Leitzinses um 50 Basispunkte der Standard, während sich in der Historie der FED bei Zinsanhebungen Schrittgrößen von 25 Basispunkten eingebürgert hätten.

Konkret habe Powell gesagt, bei den nächsten beiden Sitzungen werde der Leitzins um 50 Basispunkte erhöht werden, wenn sich die Konjunktur derart entwickele, wie das erwartet werde. Ein besonderes Augenmerk werde die FED dabei auf den Arbeitsmarkt legen, den der FED-Präsident als weiterhin "extrem eng" beschrieben habe. Letzteres leite Powell aus der niedrigen Arbeitslosenrate (3,6% bzw. 50 Jahrestief), dem Verhältnis von offenen Stellen zu Arbeitslosen (2,1 bzw. drei Mal so hoch wie der Durchschnitt der vergangenen 15 Jahre) sowie den stark steigenden Löhnen ab (ein Anstieg von 5,6% YoY versus 2,8% im Durchschnitt der letzten 15 Jahre). Gehe man konservativ davon aus, dass die Schrittgröße von 50 Basispunkten nur in den beiden nächsten Sitzungen angewendet werde und die FED danach wieder auf 25 Basispunkte zurückkehre, würde die FED Funds Rate am Ende des Jahres 2 Prozentpunkte höher als heute bzw. bei 2,75% bis 3,00% liegen.

Wenn dieses Niveau erreicht sei, werde sich die FED die Frage stellen, ob weitere Steigerungen nötig seien, um die Inflation in den Griff zu bekommen. Grundsätzlich gehe die FED davon aus, dass der so genannte neutrale Zinssatz - das sei der Zinssatz, bei dem die Geldpolitik weder expansiv noch restriktiv werde - zwischen 2% und 3% liege. Wenn man feststelle, so Powell, dass sich die Inflation bei Erreichen des neutralen Niveaus (wohl wissend, dass niemand genau wisse, wo sich das neutrale Zinsniveau befinde) nicht auf dem Weg zum Ziel von 2% befinde, werde man weitere Zinsanhebungen durchführen.

Powell habe keinen Zweifel daran gelassen, dass es die oberste Priorität der FED sei, die Inflation wieder unter Kontrolle zu bekommen. Menschen, die inflationäre Phasen erlebt hätten, wüssten ganz genau, wie schmerzhaft diese Zeiten seien und das müsse verhindert werden. Die Frage, ob es hier nicht einen Konflikt mit dem Ziel der maximalen Beschäftigung gäbe, habe Powell verneint. Vielmehr sei es so, dass die Beschäftigung umso nachhaltiger wachse, je länger der Aufschwung anhalte. Ein dauerhafter Aufschwung sei aber nur mit Preisstabilität möglich.

Weiter habe die FED erwartungsgemäß angekündigt, dass das Anleiheportfolio der Notenbank ab Juni abgeschmolzen werde. In den ersten drei Monaten werde die Bilanz pro Monat um 47,5 Mrd. US-Dollar zurückgehen und im Anschluss daran werde der Rückgang auf 95 Mrd. US-Dollar angehoben. Auch aus dieser Maßnahme ergebe sich die Schlussfolgerung, dass die langfristigen Renditen noch weiter steigen dürften, da der Bondmarkt weniger unterstützt werde, als das bislang der Fall gewesen sei.

Für die EZB seien die Zinsanhebungen der FED zwar nicht unerwartet, würden aber dennoch den Druck erhöhen, etwas früher zu handeln, als das bislang allgemein gewünscht gewesen sei. Denn der Euro sei in den vergangenen Wochen sehr schwach geworden, was den Inflationsdruck zusätzlich erhöhe. Ratsmitglied Isabel Schnabel habe in einem Interview am 04.05. deutlich gemacht, dass die EZB handeln müsse. Das werde noch nicht bei der Sitzung am 9. Juni sein, dem letzten Monat, in dem man die Anleiheankäufe zurückfahre. Aber am Markt scheine es jetzt eine ausgemachte Sache zu sein, dass die EZB am 21. Juli ihre Leitzinsen um 25 Basispunkte anheben werde. Ein weiterer Zinsschritt um 25 Basispunkte sollte dann zum Jahresende folgen.

Nächste Woche sei der 9. Mai, was von einigen Beobachtern als wichtiges Datum für die Entwicklung des Krieges in der Ukraine gesehen werde. Datenseitig heute (06.05.) auf die US-Arbeitsmarktzahlen (April), die US-Inflation (April, 11.05.) sowie in der Eurozone die Industrieproduktion (März, 13.05.) zu achten. (Ausgabe vom 05.05.2022) (06.05.2022/alc/a/a)