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FED dürfte trotz des neuen Inflationsziels geldpolitisch nicht aggressiver werden


10.09.20 16:15
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen der Staatsanleihen bewegten sich trotz der hohen Volatilität an den Aktienmärkten in einer relativ engen Bandbreite, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Derzeit lägen die zehnjährigen Bund-Renditen bei -44 BP und die Pendants aus den USA bei +70 BP. Die Ölpreise würden weiterhin unter Druck bleiben. Man könne diese Entwicklung dahingehend interpretieren, dass der Konjunkturpessimismus wieder zugenommen habe. Die Nachricht, dass der Impfstoffentwickler AstraZeneca seine in der Phase 3 befindliche klinische Testphase vorläufig gestoppt habe, da eine Testperson schwer erkrankt sei, führe zudem vor Augen, dass die weit verbreitete Annahme, man werde in jedem Fall einen Impfstoff finden, nicht so selbstverständlich sei. Diese Erkenntnis könnte in den nächsten Tagen auf Aktien und Renditen der Benchmarkstaatsanleihen lasten.

Heute habe die Pressekonferenz der Europäischen Zentralbank im Mittelpunkt gestanden. Bei den Anlegern habe vor allem im Fokus gestanden, was die EZB-Chefin Christine Lagarde zum Euro sagen werde. Letztlich habe sich Lagarde mit besonders kämpferischen Aussagen zurückgehalten. Vielmehr habe sie recht nüchtern festgestellt, dass der Euro für die Inflationsentwicklung wichtig sei, dass man aber kein Wechselkursziel habe. Außerdem sei der Euro in das Statement eingeschlossen worden, worauf die Präsidentin im Laufe der Pressekonferenz noch hingewiesen habe.

Später habe Lagarde noch betont, dass man beabsichtige, dass PEPP-Programm von 1,35 Billionen Euro voll auszuschöpfen. Das sei vermutlich zum einen auf den Euro gemünzt gewesen, aber auch auf die Spreads der südeuropäischen Länder sowie das allgemeine Renditeniveau, dass man niedrig halten möchte. In Bezug auf die Strategiediskussion hätten kaum neue Erkenntnisse gewonnen werden können, weil die EZB diese Diskussion wegen Corona unterbrochen habe und erst am 23. September diesbezüglich wieder zusammentreffe. Darüber hinaus habe Lagarde mehrfach den positiven konjunkturellen Impuls betont, den man sich von dem Fonds "Next Generation EU" von 750 Mrd. Euro erhoffe.

In der kommenden Woche werde die US-Notenbank tagen. Hier stelle sich die Frage, ob die FED, die sich jetzt mit dem Strategiewechsel praktisch eine höheres Inflationsziel gesetzt habe - die US-Notenbank wolle jetzt eine Teuerungsrate von über 2% erreichen und gebe sich mit 2% nicht mehr zufrieden - geldpolitisch noch aggressiver als vorher agieren werde. Es wäre auf den ersten Blick nur konsequent, aber die Analysten der Hamburg Commercial Bank würden zunächst nicht mit einer zusätzlichen Lockerung rechnen. Denn letztlich werde eine Anhebung der Inflation nur gelingen, wenn die Regierung mitspiele und ihrerseits ihre Ausgaben weiter erhöhe bzw. optimalerweise die öffentlichen Investitionen stärke. Für die Renditelandschaft würden sich die Analysten der Hamburg Commercial Bank daher von der FED-Sitzung keine entscheidenden Impulse erwarten.

Kurzfristig werde das in Bezug auf die Brexit-Verhandlungen vermutlich nicht anders sein. Hier habe die britische Regierung damit gedroht, notfalls auch gegen internationales Recht verstoßen zu wollen, in dem man den Ende letzten Jahres ausgehandelten und unterzeichneten Vertrag wieder aufschnüre. Premierminister Boris Johnson habe der EU quasi ein Ultimatum bis zum 15. Oktober gestellt. Habe man sich bis dahin nicht geeinigt, werde man ohne Vertrag aus dem Binnenmarkt aussteigen. Dieses Thema werde in den nächsten Wochen vor sich hinköcheln und mit dazu beitragen, dass die Staatsanleiherenditen nicht nach oben ausbrechen würden.

Darüber hinaus werde heute mit der Steuerschätzung für Bund, Länder und Gemeinden gerechnet. Hier werde von einer gegenüber der Frühjahrsschätzung mit nochmals reduzierten Einnahmen in den Jahren 2020 bis 2024 ausgegangen. Entsprechend mehr Angebot an Bundesanleihen würde dann zu erwarten sein. Allerdings dürfe dabei nicht vergessen werden, dass die EZB einen Teil dieses zusätzlichen Angebots im Rahmen des PEPP-Programms absorbieren werde.

Morgen würden die EU-Finanzminister zusammentreffen. Parallel dazu fänden derzeit Verhandlungen über den "Next Generation EU"-Fonds statt. Hieran würden sich das Europäische Parlament, die Europäische Kommission und der Europäische Rat beteiligen. Ende kommender Woche möchte man einen Kompromiss gefunden haben, sodass das EU-Parlament dem Fonds zustimmen könne. Dies wäre ein wichtiges Signal, auch aus konjunktureller Sicht.

Datenseitig sei unter anderem auf die Industrieproduktion in der Eurozone und die Einzelhandelsumsätze in den USA zu achten. Außerdem würden noch die britische und die japanische Notenbank tagen, die ihre Geldpolitik weiterhin extrem locker lassen würden. (10.09.2020/alc/a/a)